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Perfect Girl Paradox

Als Buch hier erhältlich:

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Kein Durchbruch ohne Zusammenbruch

Lark Woodley hatte alles: In ihrer Heimatstadt Spring Valley war sie Homecomingqueen, Abschiedsrednerin, diejenige mit dem perfekten Lächeln und dem perfekten Leben. Doch eine schicksalshafte Nacht bringt das Kartenhaus zum Einsturz.

Heute hat Lark sich verändert und versucht verzweifelt, an den Trümmern der Vergangenheit festzuhalten und sie wieder zusammenzusetzen.

Um ihrem mittlerweile tristen Leben etwas mehr Farbe zu verleihen, nimmt Lark an einem Kunstkurs teil – doch dieser wird von niemand Geringerem als Nick Hoffman geleitet, dem heißen Typen, den sie noch von der Highschool kennt. Und plötzlich nimmt ihre Welt wieder Gestalt an, alles wird bunter bei nachmittäglichen Margaritas und spätabendlichem Apfelkuchen mit Schokoladeneis. Nick schafft es, sie aus ihrem grauen Alltag zu ziehen. Doch in Larks Leben ist nichts mehr perfekt, und so ist ihr klar, dass das, was sie glaubt, gefunden zu haben, ein Verfallsdatum hat. Oder kommt es dieses Mal anders als sie denkt?


  • Erscheinungstag: 15.04.2025
  • Seitenanzahl: 304
  • ISBN/Artikelnummer: 9783365009864

Leseprobe

Cynthia St. Aubin

Perfect Girl Paradox

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von
Tess Martin

HarperCollins

Eins

Schnall dich einfach ab.

Und zwar jetzt sofort.

Lark Hockney saß wie erstarrt auf dem Beifahrersitz des makellosen Land Rovers ihrer Mutter, im Magen einen Eisklumpen, die Glieder schwer wie Blei.

Sie hätte niemals zustimmen dürfen.

Warum nur hatte sie gedacht, dass es diesmal anders werden würde?

Warum sollten sich plötzlich auf magische Weise all die Barrieren aufgelöst haben, die sie in den letzten Monaten daran gehindert hatten, auch nur die kleinsten Aufgaben zu erledigen?

»Ich kann mit reinkommen.« Diana Hockney, ungeheuer schick in einem maßgeschneiderten cremefarbenen Anzug, den sie an den Tagen trug, an denen sie Patienten empfing, drehte die sanfte Musik leiser.

Lark wusste, dass ihre Mutter die Musik mit Bedacht gewählt hatte, wie überhaupt alles in letzter Zeit: übertrieben vorsichtig wegen des fragilen Gemütszustands ihrer Tochter.

»Musst du nicht«, sagte Lark und zog einen Strich durch das Kondenswasser an ihrem Fenster. Sie standen schon lange genug am Bordstein, dass es beschlagen hatte.

»Natürlich muss ich nicht. Ich würde aber gern.« Ihre Mutter griff über die Armlehne nach ihrer schweißnassen Hand. »Ich weiß, wie einschüchternd das für dich sein muss.«

Lark blickte durch die vom Frühlingsregen nasse Windschutzscheibe auf die gedrungenen, einfallslosen Gebäude des Spring Valley Community College und unterdrückte ein bitteres Lachen.

Ihre ersten Tage in Dartmouth – der Alma Mater ihres Vaters – waren einschüchternd gewesen, und dennoch war sie damals mit einer an Hybris grenzenden Zuversicht in das ehrwürdige georgianische Gebäude hineinmarschiert.

Sie war schließlich die Tochter von Dr. Anderson Hockney.

Spitzenleistungen lagen ihr im Blut.

Zumindest hatte sie das gedacht.

»Hier geht es um einen Malkurs und nicht um ein Medizinstudium.« Mit dieser Bemerkung wollte sie die Stimmung auflockern, doch als sie sah, wie sich die blauen Augen ihrer Mutter verdunkelten, bekam sie sofort ein schlechtes Gewissen. Ihre lange Auszeit nach nur einem Semester Medizinstudium versetzte ihre Eltern – beide Gynäkologen mit eigener Klinik, die ein Eckpfeiler der eng verbundenen Gemeinschaft des Ortes war – in große Angst.

Eine Gemeinschaft, die fest damit rechnete, dass Lark in die großartigen Fußstapfen ihrer Eltern treten würde.

Sie aber war kläglich gescheitert.

Spektakulär und vor aller Augen.

»Liebes, wenn du noch nicht bereit bist …«

»Ich gehe ja schon.« Lark beugte sich vor und öffnete den Sicherheitsgurt, um nicht den zweiten Teil des Satzes hören zu müssen, der ihr so schmerzhaft vertraut war.

Du kannst dir mehr Zeit lassen.

Was sie dann jedes Mal daran erinnerte, wie wenig Zeit ihr in Wahrheit blieb.

Siebenundzwanzig Tage.

Dieser Countdown schwebte über ihrem Kopf wie die Klinge einer akademischen Guillotine.

Siebenundzwanzig Tage, in denen sie sich entscheiden musste, ob sie im Herbst das Medizinstudium fortführen oder ihren begehrten Platz als eine der zweiundneunzig Studentinnen aufgeben wollte, die jedes Jahr aus etwa siebentausend Bewerberinnen ausgewählt wurden.

»Hast du dein Handy dabei?«, fragte ihre Mutter.

Lark griff in die Kängurutasche ihres übergroßen Kapuzenpullis und hielt dann ihr Telefon hoch.

»Schickst du mir eine Nachricht, kurz vor Ende des Kurses?«

Lark widerstand dem Drang, zu seufzen und die Augen zu verdrehen. »Ja, Mom.«

Seit sie sich von ihrer Mutter aus dem Keller hatte locken lassen, hatten sie den Plan mindestens zehn Mal durchgesprochen.

Sie drückte die Wagentür gegen den regenschweren Luftzug auf.

»Lark?«

Feiner Nebel kühlte ihre Wangen, als sie sich ihre brandneue Portfolio-Tasche über eine Schulter warf. »Ja?«

Die Hoffnung in den Augen ihrer Mutter traf sie wie ein Messer in die Magengrube. »Du schaffst das.«

Lark nickte mit angespanntem Kiefer.

Beide hatten sie keinen Grund, das wirklich zu glauben.

Was die Tatsache, dass ihre Mutter am Straßenrand stehen blieb, bis Lark das geisteswissenschaftliche Gebäude betreten hatte, nur weiter bezeugte.

Die nassen Sohlen ihrer Turnschuhe quietschten auf dem Linoleum, als sie innehielt und von einer Welle der Nostalgie überrollt wurde. Der salbungsvolle Geruch von Leinöl und die erdige Note des Lehms. Sensorische Erinnerungen an eine Version ihrer selbst, die sie nicht mehr war.

An eine Lark, die mühelos Skizzen und Bilder anfertigte, von denen ihre Lehrer ganz und gar angetan waren. Niemals hätte sie es für möglich gehalten, dass sie eines Tages allein bei dem Gedanken, einen Fuß in einen Kunstunterrichtsraum zu setzen, in Panik verfallen würde.

Sie holte tief Luft und ging zum Ende des Korridors.

»… und ich habe ihm gesagt, wenn ich wollte, dass jemand meine Klamotten kritisiert, wäre ich mit Phil verheiratet geblieben«, hörte sie eine sanfte Stimme, so süß und weich wie Sonnentee.

»Hast du nicht«, entgegnete eine heisere weibliche Stimme.

»Doch. Also muss ich wohl die App wieder aktivieren.«

»Oder du nimmst einfach unseren Kunstlehrer mit nach Hause«, schlug die zweite Stimme vor.

»Also bitte«, schnaubte die erste. »Ich hätte lieber einen Ziegenbock als einen Mann in den Zwanzigern. Macht weniger Arbeit.«

»Ich bin immer noch der Meinung, du und ich hätten heiraten sollen.«

Das Zischen der Tür hinter ihr kündigte entweder die Ankunft einer weiteren Studentin oder des besagten Kursleiters an. Das war der Anstoß, den Lark brauchte, um sich wieder in Bewegung zu setzen. Tief durchatmend steuerte sie auf einen Tisch im hinteren Teil des Klassenzimmers zu, wo sie sich einen Stuhl heranzog und schnell hinsetzte.

Die beiden Frauen, die mindestens zehn Jahre älter waren als sie, drehten sich um und sahen sie mit überraschten und neugierigen Blicken an.

Noch bevor sie sich einander vorstellten, erkannte Lark in der braun gebrannten blonden Frau, die ein Vintage-Sommerkleid trug und wie eine ehemalige Schönheitskönigin aussah, Sprecherin Nummer eins – Tammy, wie sich herausstellte. Sprecherin Nummer zwei trug Blazer und Stiefel, hatte dunkle Haut und einen wilden Kranz aus kleinen Locken um den Kopf – Linda.

»Lark Hockney«, murmelte sie und zwang sich zu einem Lächeln, bevor sie sich in den übergroßen Kapuzenpulli kuschelte, der ihr als Talisman zur emotionalen Unterstützung diente.

»Guten Abend, meine Damen.« Eine tiefe, volltönende Stimme war zu hören, noch ehe der Kursleiter den Raum betrat und dann mit dem Rücken zu ihnen eine Umhängetasche und einen Karton auf den Tisch stellte. Ohne sich umzudrehen, begann er, den Inhalt auszupacken. Eine rostige Teekanne. Mehrere rote und grüne Äpfel. Eine Art Samenkapsel. Ein schwarzes Tuch.

Stillleben-Bestandteile.

Selbst in ihrem verdüsterten Zustand bemerkte Lark, dass er groß war, breitschultrig und einen Kopf voller dunkler, zerzauster Locken hatte, die den Kragen seines hellblauen Hemdes streiften. Die verblichenen Jeans schmiegten sich eng genug an seine schlanken Hüften, um einen kleinen, aber wohlgerundeten Hintern zu betonen. Er trat einen Schritt von dem Tisch zurück, kramte ein Handy aus der Tasche und rief ein Bild davon auf, was vermutlich das Arrangement der letzten Woche gewesen war.

»Was meinen Sie, meine Damen?«, fragte er. »Ähnlich genug?«

Larks Herz machte einen Satz, als er sich zu ihnen umdrehte und ein schwindelerregendes Wiedererkennen sie durchflutete.

Sie kannte ihn.

Oder wusste zumindest, wer er war.

Nick Hoffman.

Ein Name, an den sie seit Jahren nicht mehr gedacht hatte, der aber eine ganze Reihe von Assoziationen hervorrief. Enthusiastisch schwache Leistungen. Unerwünschte philosophische Debatten mit Lehrern. Ständiges Nachsitzen. Ein Computervirus, der die Blackboard-App der Spring Valley High School eine komplette Woche lang lahmgelegt hatte. Handgezeichnete Graphic Novels, die er stattdessen bei Prüfungen einreichte, weil er die Aufgabenstellung für unsinnig hielt.

Was meistens der Fall war.

Seine gebogene Nase war länger und breiter als früher, wozu die ausgeprägten Wangenknochen und sein markanter Kiefer hervorragend passten. Seine großen grauen Augen glänzten seelenvoll hinter der schicken Drahtgestellbrille, die er in der Highschool noch nicht getragen hatte. Doch der entscheidende Hinweis war die Narbe. Ein blasser, Zehn-Cent-Stück-großer Fleck direkt unter seinem rechten Auge. Lark konnte sich noch daran erinnern, wie diese Narbe ganz frisch gewesen und von einer üblen Schramme auf dem Wangenknochen und dem Kiefer begleitet worden war. Sie stammte von dem Autounfall, der seinen Vater das Leben gekostet hatte, damals, als sie ein Jahr lang dieselbe Klasse besucht hatten.

Die ganze Schule hatte Nick mit unschönem Mitleid beobachtet, wie sie erst jetzt begriff, nachdem sie es selbst erlebt hatte. Seit dem »Vorfall« wurde sie genauso angeschaut, was der Grund war, weshalb sie so selten wie möglich das Haus verließ.

Spring Valley, eine verschlafene Touristenfalle inmitten der sanften grünen Hügel Virginias, verlangte von seinen Einwohnern, dass sie in feste Rollen schlüpften, die genauso leicht zu identifizieren waren wie die Sehenswürdigkeiten der Stadt.

Lark war früher einmal der Liebling aller gewesen.

Prom Queen. Abschiedsrednerin. Von den blumengeschmückten Umzugswagen herabwinkend, die die Main Street entlangfuhren. Frisch wie der Strauß rosa Pfingstrosen in ihren Armen und strahlend wie das Diadem auf ihrem naiven Köpfchen.

Lark wusste, dass Nick sie erkannt hatte, denn er räusperte sich und setzte eine höfliche Miene auf. Ob er sie jetzt auffordern würde, aufzustehen und sich vorzustellen?

Er neigte nur den Kopf und schenkte ihr ein verschwörerisches Lächeln. »Herzlich willkommen«, sagte er. Dann: »Wer kann mir die vier Grundprinzipien von Design aufzählen?«

Die Armreifen an Tammys Handgelenk klirrten, als ihre Hand hochschoss.

»Bitte schön, Tammy.«

Deren Pecan-Pie-süße Antwort ging vollkommen an Lark vorbei, so erleichtert war sie, einer offiziellen Vorstellung entkommen zu sein.

»Und nach welchem Prinzip sieht ein roter Apfel röter aus, wenn man ihn neben einen grünen Apfel legt?«, fuhr Nick fort und deutete auf das Stillleben-Arrangement.

»Simultankontrast.« Der Klang ihrer eigenen Stimme ließ sie aufschrecken. Leise und rau, weil sie kaum noch gebraucht wurde.

»Das stimmt.« Nicks Grinsen ließ seine geraden weißen Zähne aufblitzen.

Hatte sie ihn in der Highschool jemals lächeln sehen?

In ihrer Erinnerung hatte in seinem Blick, den sie im Kunstunterricht gelegentlich aufgefangen hatte, bestenfalls ein süffisantes Grinsen gelegen.

»Angeberin«, schalt Tammy sie, doch ihr Lächeln deutete an, das sie das als Kompliment meinte.

»Schon gut, Tammy.« Nick ging in den hinteren Teil des Klassenzimmers, um eine Lampe anzuschalten. »Lark soll nicht denken, dass Neulinge hier routinemäßig schikaniert werden.«

In der Dunkelheit, die nur durch einen auf die Stilllebenobjekte gerichteten Lichtstrahl durchbrochen wurde, fühlte sich Lark sofort wohler.

»Diese Woche möchte ich, dass ihr euch auf die Darstellung verschiedener Farben von Früchten mit einem Graustufenmedium wie dem Bleistift konzentriert«, sagte Nick, als er nach vorne zurückkehrte und einen Bluetooth-Lautsprecher aufstellte. Elvis’ rauchige Stimme erfüllte das Klassenzimmer.

»Der könnte selbst einen Priester um den Verstand singen«, seufzte Tammy.

»Ich wette, dann kämen mehr Leute zur Sonntagsmesse«, meinte Linda, während beide Frauen ihre Taschen durchwühlten.

Froh, eine Aufgabe zu haben, förderte Lark einen Skizzenblock mit dickem, cremefarbenem Papier und ein Metalletui mit Zeichenstiften zutage.

Wie ihre nagelneue Portfolio-Tasche waren auch diese von Larks Mutter gekauft worden.

Ein kluges Geschenk, mit dem sie ihrer Teilnahme an diesem Kurs zumindest einen Hauch von Freiwilligkeit zu verpassen versuchte.

Warum ihre Mutter sich speziell für diese Taktik entschieden hatte, war ebenso offensichtlich wie ironisch: Lark hatte Kunst früher geliebt, genau genommen sogar dafür gelebt. In ihrem Abschlussjahr, das vollgestopft war mit Förderkursen, die ihren Weg aufs College beschleunigen sollten, war Kunst für sie ein nicht verhandelbarer Teil des Stundenplans gewesen, den sie mit der Hilfe ihres Vaters erstellte. Die einzige Möglichkeit, etwas aus reinem Vergnügen zu erschaffen.

Ein Motiv, das ihr später, als sie dann die Anforderungen für das Medizinstudium in Dartmouth durchlas, geradezu frivol vorkam.

Wir wissen, wie sehr du die Ölmalerei liebst, Schätzchen, aber ist dir dieses Wahlfach wirklich ein zusätzliches Semester wert?

Und da diese Frage der Vater stellte, den sie vergötterte, lautete die Antwort natürlich Nein.

Jetzt aber ließ man ihre ehemalige Leidenschaft wie eine Karotte vor ihrer Nase baumeln, in der Hoffnung, dass sie endlich wieder zu funktionieren begann wie früher einmal. Sie bezweifelte jedoch sehr, dass das Zeichnen von Granny-Smith-Äpfeln ein Burn-out-Kid unversehens wieder in eine Überfliegerin verwandeln konnte, schon gar nicht in siebenundzwanzig Tagen.

Und doch war sie hier.

»Vergesst eure Lichtquelle nicht«, rief Nick, ließ sich auf einem Stuhl am Nachbartisch nieder und klappte seinen Laptop auf.

Resigniert wählte Lark einen Bleistift aus der ordentlichen Reihe und ließ ihn zwischen ihren Fingern hin- und herrollen. Es war so lange her, dass sie einen Stift gehalten hatte, dass er ihr unangenehm in der Hand lag.

Wie gelähmt starrte sie so lange auf das Stillleben, bis es sich beim Blinzeln als leuchtendes Weiß hinter ihren Augenlidern abzeichnete.

Sie hatte keine Ahnung mehr, wie das ging.

Wo oder wie sie anfangen sollte.

Schweißperlen rannen ihr von den Achselhöhlen über die Rippen, als sie den Bleistift auf das Blatt drückte.

Mach einfach einen Punkt. Irgendwo.

Die Grafitspitze berührte das Papier, und sie versuchte, den runden Umriss des roten Apfels neben seinem hellgrünen Nachbarn heraufzubeschwören. Doch immer wenn sie aufblickte, um einen visuellen Vergleich anzustellen, wirkten ihre Bemühungen flach und kindisch.

Was sie in dem teuren Materialpaket, das ihre Mutter zusammengestellt hatte, nicht finden konnte, war ein Radiergummi.

Sie riss das Blatt ab und begann von Neuem.

Je länger sie auf die Komposition starrte, desto mehr störte sie sich daran. Die luftlose Nähe zwischen dem Apfel und der Teekanne. Die unnatürliche Positionierung der fremdartig aussehenden Samenkapsel zur Teetasse. Wann im wahren Leben würde jemand beim Teetrinken Äpfel neben die Kanne legen?

Das ergab gar keinen Sinn.

Heißer Zorn ergriff sie.

Was wollte sie sich hier überhaupt beweisen?

»Mr. Hoffman?« Tammy hob einen schlanken Arm. »Könnten Sie sich das kurz ansehen?«

»Nenn mich Nick«, sagte er und drückte sich vom Tisch zurück. »Und du brauchst dich nicht zu melden.«

»Meine Oma würde sich im Grab umdrehen, wenn sie wüsste, dass ich einen College-Professor beim Vornamen nenne.«

»Oma kann beruhigt sein«, entgegnete Nick. »Ich bin kein Professor und habe nicht einmal einen Collegeabschluss. Ich habe die NYU im dritten Jahr verlassen und brauchte, um diesen Kurs überhaupt unterrichten zu dürfen, eine Sondergenehmigung der Leiterin der Geisteswissenschaften.«

»Sie muss eine hohe Meinung von dir haben.« Tammy legte eine Hand unters Kinn und klimperte mit ihren langen Wimpern.

»Das hoffe ich«, antwortete Nick, »schließlich ist sie meine Mutter.« Er lehnte sich vor und blickte zwischen dem Arrangement der Gegenstände und Tammys Kunstwerk hin und her. »Okay, siehst du, wie sich in deiner Zeichnung der Schatten des roten Apfels parallel zum grünen Apfel erstreckt?«

»Mhm«, sagte Tammy, die nicht auf ihre Zeichnung, sondern auf Nicks muskulösen Unterarm schaute. Lark folgte ihrem Blick und konnte nicht umhin, die wohlgeformten Umrisse von der Ellenbeuge bis zum Bizeps zu bemerken, die sich unter dem Stoff seines Hemdes abzeichneten.

»Damit dieser Schatten räumlich akkurat wäre, müsste der Apfel teilweise in der Teekanne liegen.« Er warf einen Blick auf Tammy, die hastig blinzelnd die Augen abwandte.

»Das ist absolut richtig«, meinte sie.

Als Lark ein kleines Grinsen in Nicks Mundwinkel bemerkte, überkam sie eine verblüffende Erkenntnis.

Er wusste ganz genau, worauf Tammy ihre Aufmerksamkeit gerichtet hatte.

»Darf ich?«, fragte er und streckte die Hand nach Tammys Bleistift aus.

»Natürlich.«

»Um das zu beheben, müssen wir nur den Winkel des Schattens verändern.«

Lark starrte wie gebannt auf seine starken, anmutigen Hände, überrascht von dem enormen warmen Gefühl, das sich in ihrer Mitte ausbreitete.

Sie bemerkte, dass sie nicht länger Tammy beobachtete, wie diese Nick beobachtete … sie beobachtete ihn selbst.

Spürte eine intensive, magnetische Anziehungskraft, die sich aufbaute.

Wann hatte sie so etwas zum letzten Mal erlebt? In den ganz frühen Tagen mit Reese vielleicht?

So lange konnte das unmöglich her sein.

Oder doch?

»Alles klar?« Nick gab Tammy den Bleistift zurück.

Lark entging sein rascher Blick auf ihr eigenes erbärmliches Liniengewirr auf dem Papier nicht, als er sich aufrichtete.

Alles okay?, formte er lautlos mit den Lippen, wobei sich auf seiner Stirn neben einer dunklen Haarlocke eine Falte bildete.

Lark nickte schnell, denn der Gedanke, dass er genauso nah neben ihr stehen könnte wie gerade bei Tammy, war gleichermaßen aufregend wie beängstigend.

Nick warf ihr ein ermutigendes Lächeln zu und kehrte zu seinem Platz zurück. Eine verflixt lange Zeit legte sie weitere Fehlstarts hin, ihre Frustration erreichte den Höhepunkt, gerade als das Licht wieder angeschaltet wurde.

»Also gut.« Nick rieb sich die Hände. »Wollen wir mal nachsehen?«

Linda und Tammy lehnten sich in ihren Stühlen zurück und gewährten Lark einen Blick auf das, was sie produziert hatten. Als sie deren enthusiastische, aber dilettantische Bemühungen sah, wappnete sie sich für die Kritik, die die beiden gleich zu hören bekämen.

Was jedoch nicht der Fall war. Nick machte lediglich vage, in aufmunternde Komplimente verpackte Vorschläge.

Wie sollten sie besser werden, wenn sie gar nicht wussten, was sie falsch machten?

Sie fragte sich, ob er ihnen aus Mitleid oder aus Desinteresse kein ehrliches Feedback gab.

Weder das Eine noch das Andere könnte sie ertragen. Nicks sturmgrauen Augen würde nichts entgehen, wenn er ihre chaotischen Zeichnungen sah. Wahrscheinlich konnte er sich noch daran erinnern, wie gut sie früher gewesen war, und würde mitleidig nach etwas Positivem suchen, das er sagen konnte.

Das war nicht auszuhalten.

Nicht eine einzige Sekunde länger.

Ohne abzuwarten, dass er Linda Komplimente über ihre Kreuzschraffur machte, zerknüllte Lark ihre Blätter, schnappte sich die Tasche und verließ das Klassenzimmer.

Sie lief mehrere leere Korridore entlang, bis sie zu einer Sitzecke vor den Verwaltungsbüros kam, wo eine riesige Wanduhr anzeigte, dass ihre Mutter sie erst in zwanzig Minuten abholen würde. Sie zu bitten, früher zu kommen, würde nur zu einer weiteren Diskussion führen, auf die Lark keine Lust hatte. Zudem erschienen ihr zwanzig Minuten unbeaufsichtigtes Doomscrolling durch die sozialen Medien, nachdem sie fast eine Stunde in der Gegenwart anderer Menschen verbracht hatte, geradezu wie der Himmel auf Erden.

Sie ließ sich auf einen der Stühle plumpsen und zückte ihr Handy.

Der Bildschirm blieb hartnäckig dunkel.

Tot.

Sie hatte völlig vergessen, den Akku zu überprüfen, und da sie so selten das Haus verließ, hatte sie auch nicht daran gedacht, ein Ladegerät mitzunehmen.

Heimtückische Tränen trübten ihre Sicht. Sie hasste es, wie sehr solche kleinen Unachtsamkeiten sie aus dem Gleichgewicht bringen konnten. Ein weiterer Beweis dafür, dass sie in keiner Weise bereit war, aufs College zurückzukehren.

Entsetzt bei der Vorstellung, zwanzig Minuten allein mit ihren Gedanken verbringen zu müssen, schnappte sie sich eine der Zeitschriften vom Beistelltisch. Der Redakteur von Campus Life schien zu glauben, dass Studenten ihre Zeit damit verbrachten, sich auf dem Rasen zum Picknick zu versammeln und zuzuhören, wie jemand auf einer Gitarre herumzupfte.

Medizinstudenten jedenfalls ganz sicher nicht, dachte sie verbittert.

Um fünf vor neun hörte sie Stimmen auf dem Flur, Tammy und Linda verließen das Gebäude. Erst als ein paar Minuten später weitere Schritte folgten, kam Lark aus ihrem Versteck hervor und machte sich auf den Weg zum Parkplatz.

Feiner Regen fiel, kühlte ihre Wangen und legte sich auf ihre Haut.

Da der SUV ihrer Mutter nirgends zu sehen war, ging sie zu einer hüfthohen Backsteinmauer und stellte ihre Tasche ab, um zu warten.

Und zu warten.

Und zu warten.

Ihr unterer Rücken schmerzte vom Stehen, da sie in den letzten Monaten hauptsächlich vom Schlafzimmer ins Bad und wieder zurück geschlurft war, mehr nicht. Sie stützte sich mit beiden Händen auf den kühlen Ziegelstein, um sich hochzustemmen und auf die Mauer zu setzen.

Ihre Mutter konnte sehr zerstreut sein, aber nachdem sie so hart dafür gearbeitet hatte, Lark zu diesem Kurs zu überreden, konnte sie sie auf keinen Fall vergessen haben. Da dies einer der seltenen Abende war, an denen sie keine beruflichen oder sozialen Verpflichtungen hatte, würde sie direkt von zu Hause kommen, und es handelte sich um eine fünfzehnminütige Fahrt, die Diana Hockney schon Hunderte Male zuvor gemacht hatte.

Somit gab es nur zwei Erklärungen: ein schrecklicher Unfall oder eine Notgeburt.

Kalte Krallen gruben sich in ihren Magen.

Noch vor sechs Monaten wäre das keine große Sache gewesen, aber jetzt, als sie im Regen auf dieser Backsteinmauer saß wie eine Art Dickens’scher Straßenjunge, fühlte Lark sich … verloren. Allein.

Verängstigt.

Irrational wütend.

Das Schlagen von Türen hinter ihr ließ sie aufschrecken.

Sie warf einen Blick über die Schulter und sah Nick Hoffman den Bürgersteig entlangkommen.

Bitte geh einfach zu deinem Auto, versuchte sie ihm im Stillen mitzuteilen. Bitte sieh mich nicht.

Lark hielt die Luft an, als er in der Tasche seiner Jeans kramte und dann einen Schlüssel herausfischte. Die Scheinwerfer des einzigen Autos auf dem Parkplatz tauchten sie in silbriges Licht, sie musste ihre Augen abschirmen.

Nick drehte sich zu dieser Bewegung um, und ihre Blicke trafen sich.

Er kam direkt auf sie zu.

Zwei

Er hätte nicht nach Hause zurückkehren sollen.

Dieser Gedanke ging Nick Hoffman nicht mehr aus dem Kopf, seit er mit seinem BMW vor fast einem Monat die Stadtgrenze von Spring Valley passiert hatte.

Womit sich die irrsinnige Vorstellung, dass ihm die Rückkehr in eine Stadt, die er eigentlich hasste, helfen könnte, sich von seinem hektischen Leben in Manhattan zu erholen, umgehend in Luft auflöste.

Und zwar noch bevor seine Mutter ihn dazu überredete, einen Kunstkurs für zwei, oder nein, drei Schülerinnen zu halten.

Eine von ihnen hockte in diesem Moment auf der Parkplatzmauer wie eine Prinzessin, die sich in einen steinernen Wasserspeier verwandelt hatte.

Nick hatte sich so sehr gewünscht, dass sie schon weg wäre.

Sie musste einfach weg sein.

Und genau aus diesem Grund hatte er zehn Minuten länger als nötig im Klassenzimmer herumgewerkelt, bevor er sich auf den Parkplatz wagte.

Ihm war klar gewesen, dass er exakt das tun würde, was er jetzt tat, als er Lark Hockney mit diesem entsetzten Ausdruck auf ihrem blassen, herzförmigen Gesicht sah.

Sich kopfüber in ein Drama stürzen, das ihn nichts anging. Was genau das Gegenteil von dem war, worum es in diesem Sommer gehen sollte.

Hattest du nicht vor, dich hier auf nichts einzulassen?

Er konnte die Stimme seines Vaters so deutlich hören, als säße sein alter Herr wie ein Zeichentrickteufel auf seiner Schulter.

Beunruhigend, wenn man bedachte, dass Pop schon seit zehn Jahren tot war.

Und doch passierte genau das immer wieder, seit er im Haus seiner Mutter wohnte.

Ein toter Mann, der ihm ungefragt Ratschläge zu seiner Karriere gab. Seinem Liebesleben. Seinem Schwur, alles zu vermeiden, was in etwa den Verstrickungen ähneln könnte, die er beim Verlassen der Stadt hinter sich gelassen hatte.

Ein Schwur, den er nun brach.

Nick räusperte sich. »Hey«, sagte er.

»Hey.«

»Wartest du auf jemanden?«, fragte er.

Lark zog ihren übergroßen Kapuzenpulli fester um sich. »Nö. Mir gefällt nur die Aussicht.«

Sie besaß also zumindest noch genug Kampfgeist, um eine neunmalkluge Antwort zu geben. Das war gut.

Was nach allem, was er vorhin beobachtet hatte, nicht unbedingt zu erwarten gewesen war.

Sie zu sehen, hatte ihn schwer schockiert.

Lark Hockney. Die Königin der gesamten verdammten Highschool, hatte sich in ein blasses, dünnes, zittriges Gespenst verwandelt, das auf seinen Skizzenblock starrte, als wäre es von ihm verraten worden. Der Ausblick auf den einsamen Parkplatz war auch nicht viel freundlicher.

»Ich werde jeden Moment abgeholt.«

»Cool.« Er lehnte sich gegen die Wand.

»Ich bin echt okay.« Sie nagte an einer bereits zerfetzten Nagelhaut. »Du musst nicht hierbleiben.«

Nick schenkte ihr ein, wie er hoffte, beschwichtigendes Lächeln. »Es macht mir nichts aus.«

Lark ballte sich zu einem noch festeren Knäuel zusammen, was er bis zu diesem Moment nicht für möglich gehalten hätte. »Also, ich will nicht unhöflich sein, aber ich wäre wirklich lieber allein, okay?«

»Kein Problem.« Nick raffte seine Sachen zusammen, ging ein paar Schritte den Bürgersteig entlang und stellte sie dann wieder ab.

Lark drehte sich um und sah ihn an. »Du bist immer noch hier.«

»Das hängt davon ab, wie du hier definierst«, antwortete er.

»Ich kann dich noch sehr gut sehen«, bemerkte sie.

»Der Solipsismus besagt, dass das Wissen über alles, was außerhalb des eigenen Geistes liegt, unsicher ist. Die äußere Welt und andere Gedanken kann man nicht kennen, und deswegen existieren sie vielleicht gar nicht. Also technisch gesehen …«

»Damit hast du deine Abschlussprüfung in Kunstgeschichte nicht retten können, und es funktioniert auch jetzt nicht.«

Nick war überwiegend geschmeichelt, dass sie sich daran erinnerte. Denn er hätte gewettet, dass Lark Hockney sich vor allem daran erinnerte, wie er die Jahrbuchseite ruiniert hatte, indem er sich geweigert hatte, sich fotografieren zu lassen. Weshalb ihr perfektes Foto für alle Ewigkeit über einer schwarzen Fläche namens Fenwick Hoffman schweben würde.

Verdammt, ich war wirklich ein überheblicher kleiner Scheißer.

»Wie wäre es dann damit? Ich würde mich nicht wohlfühlen zu gehen, bevor du abgeholt wirst. Betrachte es als die moralische Verpflichtung deines Kursleiters.«

Lark sprang von der Mauer herunter und schnappte sich ihre Mappe vom Bürgersteig. »Ich bin nicht daran interessiert, jemandes moralische Verpflichtung zu sein.«

Ihre Worte klangen giftig genug, um zu bestätigen, was er bereits vermutet hatte.

Sie hatte sich nicht aus freien Stücken für seinen Kurs angemeldet.

Nick joggte ein Stück, um sie einzuholen, als sie auf den Ausgang des Parkplatzes zumarschierte. »Hör mal, ich will mich nicht einmischen, aber du kannst nicht nach Hause laufen.«

»Warum nicht?«, fragte sie. »Ich gehe gern zu Fuß.«

»Selbst unter normalen Umständen wäre das keine gute Idee.«

Lark blieb abrupt stehen und warf ihm einen eisigen Blick zu. »Unter normalen Umständen?«

Sein Herz begann zu pochen. »Wenn es nicht stockdunkel wäre, regnen würde und euer Haus nicht so weit außerhalb der Stadt läge, dass sogar ein Marine sich weigern würde, zu Fuß zu gehen.«

Ihr verkniffenes Lächeln erreichte ihre rot geränderten Augen nicht. »Ich bin okay, Nick. Versprochen.«

»Nein, bist du verdammt noch mal nicht.« Die Worte waren aus seinem Mund gekommen, und jetzt konnte er sie nicht mehr zurücknehmen. »Du hast dreißig Minuten lang hinten in meinem Klassenzimmer gesessen, als würdest du gleich losheulen, und den Papierkorb mit einem halben Dutzend Skizzen gefüllt. Jetzt stehst du im Regen, bist klatschnass und wartest darauf, abgeholt zu werden. Du siehst aus, als hättest du seit einem Jahr nicht mehr geschlafen, und ich lasse dich auf keinen Fall allein im Dunkeln am Stadtrand zurück.«

Zu seinem blanken Entsetzen begann ihr Kinn zu zittern. Ohne Vorwarnung ließ sie die Mappe auf den Boden fallen und rannte davon.

»Lark!«, rief er ihr hinterher. »Warte.«

Zu spät fiel ihm ein, dass sie auf der Spring Valley High eine der besten Sprinterinnen des Landes gewesen war.

Leise fluchend warf er einen Blick zurück auf den Parkplatz. Seine Chancen, sie einzuholen, während er ihre Tasche trug, waren gering bis gar nicht vorhanden. Er änderte die Richtung, rannte zu seinem Auto, pfefferte die überdimensionale Mappe auf den Rücksitz und startete den Motor, noch bevor er sich angeschnallt hatte. Er entschuldigte sich in Gedanken bei seiner Mutter und trat aufs Gas.

Lark war bis zur ersten Ampel gekommen, als er neben ihr an den Bordstein fuhr und das Fenster auf der Beifahrerseite herunterkurbelte.

»Weißt du, die SVPD patrouilliert noch immer ständig auf dieser Straße«, schrie er so laut, dass sie ihn durch das Fenster hören konnte. »Wenn du also nicht von einem Spring-Valley-Polizisten mitgenommen werden willst, solltest du lieber einsteigen.«

Der Regen wurde jetzt heftiger, er prasselte auf die Windschutzscheibe und schlug gegen das Schiebedach. Endlich wurde Lark etwas langsamer, dann hielt sie ganz an. Sie blieb schwer atmend, den Blick auf die vor ihr liegende Straße gerichtet, mitten auf dem Bürgersteig stehen. Er konnte den Kampf, den sie im Geiste austrug, praktisch sehen.

Erst in diesem Moment wurde ihm klar, dass sie zwar seinen Namen kannte, aber deswegen noch lange nicht ihn.

Damals jedenfalls hatte sie ihn nicht gekannt.

Und jetzt auch nicht.

»Wenn du Bedenken hast, kannst du jemanden anrufen und auf Lautsprecher stellen, während wir fahren«, schlug er vor.

»Mein Handy ist tot«, antwortete sie mit flacher Stimme.

»Dann können wir meins nehmen.« Er holte es aus seiner Tasche und hielt es ihr vor die Nase.

Lark sackte etwas zusammen, und er spürte einen Anflug von Erleichterung, als sie auf seinen Wagen zuging.

Er öffnete die Beifahrertür, und Lark glitt hinein. Er wollte ihr sein Handy geben, doch sie schüttelte nur den Kopf.

»Ist schon in Ordnung«, sagte sie.

Nick wusste nicht, ob er geschmeichelt sein sollte oder besorgt über ihre mangelnde Vorsicht.

Er tastete auf dem Rücksitz nach seiner Sporttasche und zog ein Handtuch heraus. »Es ist sauber«, sagte er. »Und ich benutze Weichspüler und alles.«

Zumindest, solange er sich in der Nähe seiner Mutter aufhielt, die behauptet hatte, sich mit Sandpapier abtrocknen zu müssen, als sie einmal in seinem Rattenloch in Manhattan übernachtet hatte.

»Danke.« Lark trocknete sich das Gesicht ab, bevor sie den durchnässten Kapuzenpullover über den Kopf zog. Das Tanktop darunter war ebenfalls feucht und klebte so an ihren Brüsten, dass seine Jeans eng wurde.

Dann tupfte sie das Top ab und zog sich ein Gummiband aus dem Haar. Die vom Regen dunklen kastanienbraunen Locken reichten ihr bis zu den Rippen und füllten den Wagen mit einem zarten Blütenduft. Lark beugte sich vor, wickelte das Handtuch um die Haare und wrang es wie einen Waschlappen aus.

Nick räusperte sich, dann riss er den Blick von ihr los. »Wohin?«, fragte er.

Eine feuchte Strähne streifte seinen Arm, als Lark ihr Haar über die Schulter warf und mit dem Handtuch über ihren Kopf rieb. »Lakewood Estates.«

»Anschnallen«, sagte er.

Sie gehorchte, und er fuhr los.

Nick versuchte erfolglos, nicht zu bemerken, wie sich der Gurt an den nun durchsichtigen Stoff ihres Oberteils schmiegte.

Als er an einer Ampel hielt, durchforstete er sein Hirn nach einem unverfänglichen Gesprächsthema. »Was hat dich hierher zurückgebracht?«, fragte er. »Du bist am Dartmouth College, wenn ich mich recht erinnere?«

Sie hielt in der Bewegung inne. »Ich war.«

Ihre Stimme klang erstickt, er sah, wie ihr erneut Tränen in die Augen stiegen.

Shit.

»Es tut mir leid«, sagte er. »Ich wollte dich nicht aufregen.«

»Hast du nicht«, gab sie zurück. »Ich bin diejenige, die sich entschuldigen sollte.«

»Wofür?« Nick drückte den kleinen Knopf an seiner Konsole, um die beschlagene Scheibe zu reinigen.

»Dass ich den Unterricht früher verlassen habe. Dass ich dich gezwungen habe, mir im Regen hinterherzujagen. Dass ich dein Handtuch schmutzig gemacht habe.«

»Erstens und zweitens sind kein großes Ding, und drittens ist nichts, was ein Waschgang nicht beheben könnte. Außerdem hast du das, woran wir momentan arbeiten, schon in der zehnten Klasse gezeichnet.« An der Ampel, die die Main Street mit der King James Avenue am Rande der malerischen historischen Innenstadt von Spring Valley verband, wurde er langsamer.

Lark lehnte sich im Sitz zurück und starrte aus dem Fenster. »Glaub mir, was auch immer für ein Talent ich einmal hatte, ist längst verschwunden.«

»Das bezweifle ich stark«, sagte Nick.

Lark rollte den Kopf an der Kopfstütze in seine Richtung. »Ich konnte nicht einmal einen Apfel zeichnen.«

Nick zog eine Augenbraue hoch. »Und glaubst du, dass diese Tatsache deine Zukunft maßgeblich beeinflussen wird?«

»Darum geht es nicht. Es geht darum, dass ich etwas nicht mehr kann, was ich früher gut konnte.«

»Ich war mal gut im Radschlagen«, sagte Nick. »Ich kann dir gern zeigen, wie das jetzt aussieht, wenn du dich dann besser fühlst.«

Ihre Mundwinkel hoben sich leicht. »Das würdest du tun?«

»Scheiße, nein«, rief er. »Das war geblufft. Ich bin auch furchtbar schlecht im Kartenmischen, wenn du willst, kann ich nächste Woche ein Kartenspiel mitbringen, um es dir zu zeigen. Vorausgesetzt, du hast überhaupt vor, noch einmal zum Unterricht zu kommen.«

»Oh, dafür wird meine Mutter schon sorgen. Dass ich heute wieder nach Hause komme, hat sie dagegen …« Sie brach ab.

Sein Puls beschleunigte sich mit einem Anflug von Wut, die vollkommen unberechtigt war. »Auf sie hast du also gewartet?«

Lark nickte und schloss die Augen, als sie weiter in ihrem Sitz zurücksank. »Ja.«

Sein Griff um das Lenkrad wurde fester. »Und sie hat nicht angerufen oder geschrieben oder so?«

»Mein Handyakku ist leer, schon vergessen?« Sie gähnte. »Wahrscheinlich steckt sie mitten in einer Geburt«, sagte sie mit verschlafener Stimme.

»Stimmt ja«, erwiderte er. »Deine Eltern haben eine eigene Klinik.«

Ein Arzt-Ehepaar. Weitaus beeindruckender als eine Highschool-Lehrerin und jetzt Dezernentin und ein NYPD-Beamter in einer Kleinstadt. Nicks Eltern hatten sich im Hinterland von New York kennengelernt und dort geheiratet, bevor sie durch Neuengland zogen und sich schließlich kurz vor der Pensionierung seines Vaters in Spring Valley niederließen. Eine Stadt, in der sein Vater als Kind einige idyllische Sommer im Haus seines Großvaters verbracht hatte.

Nicks Erfahrungen waren hingegen … völlig anders gewesen.

Er betätigte den Blinker und bog nach rechts in die exklusive Wohngegend ein, die an einen weitläufigen Golfplatz grenzte. Große Mittelklassehäuser in allen architektonischen Varianten schossen zu beiden Seiten des abgeschiedenen Vororts aus dem Boden. Übergroße französische Chateaus. Mediterrane Miniaturvillen. Ordentliche Tudor-Landhäuser. Alle waren kunstvoll von unten beleuchtet, sodass man sie sowohl bei Tag als auch bei Nacht bewundern konnte.

Wie sein Ostküstenakzent waren auch die vergleichsweise begrenzten finanziellen Mittel seiner Eltern während seiner Highschool-Zeit ein Problem gewesen. In Spring Valleys relativ wohlhabenden Kreisen war er aufgefallen wie ein zerquetschter Daumen.

»Du bist also nach der NYU zurück nach Spring Valley gezogen?«, fragte Lark, als ob sie seine Gedanken gelesen hätte.

Es war die erste persönliche Frage, die sie ihm stellte. »Ich lebe immer noch in New York City«, sagte er. »Ich bin nur den Sommer über hier.«

»Nur zu Besuch?«, fragte sie.

»So etwas in der Art.« So etwas in der Art bedeutete in seinem Fall, sich zu verstecken. Er war vor der immer unangenehmer werdenden Erkenntnis geflüchtet, dass seine Karriere, die Firma, das ganze Leben, das er sich in der Stadt aufgebaut hatte, bröckelte.

»Und da hast du beschlossen, aus Spaß einen Kunstkurs zu unterrichten.«

»Das hat eher meine Mutter beschlossen«, entgegnete er. »Normalerweise ist das ihre Klasse, aber sie wollte ihre Stunden reduzieren und konnte niemanden sonst finden.«

Das jedenfalls hatte sie ihm erzählt. Nach der ersten Woche zu Hause hatte er überrascht festgestellt, dass seine Mutter nicht nur diesen Kurs, sondern alle ihre Kurse gestrichen hatte. Genauso ihre Tätigkeit als Dezernentin. Auf seine Frage, warum sie sich diese Auszeit nähme, hatte sie nur mit den Schultern gezuckt und gesagt, sie wolle mehr Zeit mit Gartenarbeit verbringen. Eine Behauptung, der Nick ungefähr so viel Glauben schenkte wie der, dass er das Haus mehr oder weniger für sich allein haben würde, weil sie »seinen persönlichen Freiraum respektierte«.

Was bisher noch nie der Fall gewesen war.

Für eine dermaßen unverblümte Frau wie sie konnte Julia erstaunlich verschwiegen sein, wenn es um ihre Beweggründe ging.

»Und das tust du auch in New York?«, fragte sie. »Unterrichten?«

Eher scheitern. Säure stieg in seinem Magen auf, als er sich an die Umstände seiner Abreise erinnerte. Ein heftiger Streit mit seinem besten Freund und Geschäftspartner, Marshall Graves. Nur eine der vielen Dornen im Gestrüpp der problematischen Beziehungen, die um Nick herum zu sprießen schienen, wo auch immer er landete.

Er wünschte sich so sehr, dass dieser Sommer anders werden würde.

Dass er einen klaren Kopf bekäme. Verschnaufen könnte.

Vielleicht findest du endlich raus, was zum Teufel du eigentlich willst.

Das hatte Marshall zum Abschied gesagt, als Nick aus dem trendigen Flatiron District Coworking Space marschiert war und auf dem Weg einen Schreibtisch umgeworfen hatte.

Doch Marshall hatte ja nicht unrecht.

Irgendwann, nachdem sie ihr Tech-Start-up gegründet hatten, war Nick … immer gereizter geworden. Ein unterschwelliges Unwohlsein und ständiger Ärger hatten die Meetings endlos erscheinen lassen, sämtliche Pläne waren ihm wie Gefängnisse erschienen. Vor allem dann, wenn Marshalls Ambitionen ihre begrenzten Ressourcen deutlich überstiegen. Sie waren ständig auf der Jagd. Im Kampf. Im Stress. Und so weiter. Jetzt waren sie an einem Scheideweg angelangt, und zum ersten Mal in seinem Leben hatte sich Nicks Ego gegen all das gesträubt.

Wenn er nicht herausfand, was er verdammt noch mal wollte – und zwar schnell –, lief er Gefahr, alles zu verlieren, was er und Marshall aufgebaut hatten.

Nick bemerkte, dass sein T-Shirt an seinem Rücken klebte, und drehte die Klimaanlage ein paar Grad kälter.

»Ich versuche, ein KI-Kunst-Start-up auf die Beine zu stellen. Ich bin sicher, du hast von der Kontroverse darüber gehört.«

»Ich bin nicht direkt auf dem Laufenden.«

Der Regen hatte nachgelassen, und die Scheibenwischer quietschten, bevor Nick sie ausschaltete. »Ich will dich nicht mit den Details langweilen.«

Er bemerkte erst, dass er sie damit eigentlich einladen wollte, weiterzufragen, als sie genau das nicht tat.

»Es ist das Haus da oben rechts mit der Eiche.«

Nick bremste und bog in die Einfahrt ein. Das Gebäude war sauber und modern. Große Fenster. Kaum Dekoration. Für Nick wirkte es eher wie ein Spa oder eine Bank als wie ein Wohnhaus. Wahrscheinlich sollte man auf den Möbeln eigentlich gar nicht wirklich sitzen.

Lark starrte auf das zweistöckige Fenster, hinter dem man einen Teil einer Treppe aus Chrom und Glas sehen konnte.

All die Fragen, die Nick durch den Kopf gingen, konnte er unmöglich stellen. Glaubst du, dass jemand zu Hause ist? Kommst du allein zurecht? Warum siehst du so traurig aus?

Eine Textnachricht auf seinem Handy durchbrach die unangenehme Stille. Er warf einen Blick auf das leuchtende Display und bemerkte, dass sie dasselbe tat.

Julia: Ist alles in Ordnung? Ich dachte, wir würden zusammen zu Abend essen.

Lark öffnete ihren Gurt. »Tut mir leid. Ich habe dich von deinen Plänen abgehalten.«

»Hast du nicht«, sagte er zu schnell. »Das ist meine Mutter.«

Sie zog eine Augenbraue zu ihm hoch. »Du nennst deine Mutter Julia?«

»Sie hat vor einer Weile an einem Workshop über das Älterwerden von Frauen teilgenommen und beschlossen, dass sie energetisch nicht mehr auf die Mutterphase des Lebens ausgerichtet ist. Ihren Vornamen zurückzugewinnen bedeutet, ihre weibliche Energie zu umarmen«, rezitierte Nick.

»Scheint eine interessante Frau zu sein.« Lark faltete das feuchte Handtuch in ihrem Schoß zusammen.

»Interessant ist sie auf jeden Fall.« Er griff hinter sich nach ihrer Mappe. »Vergiss die hier nicht.«

»Danke«, sagte sie. »Lass mich wenigstens das Handtuch waschen und es dir dann zurückgeben.« Sie hielt es dicht an ihr nasses Tanktop gedrückt.

Nick verspürte den absurden Drang, abzulehnen, und hasste sich dafür, dass er sich fragte, ob das Handtuch eine Spur ihres berauschenden Duftes aufgenommen hatte. Dieser Gedanke wurde schnell durch einen noch problematischeren ersetzt. Wenn er ihr das Handtuch überließ, musste sie es ihm zurückgeben, was die Wahrscheinlichkeit erhöhte, dass sie noch einmal seinen Kurs besuchte.

»Wenn du darauf bestehst.«

»Tue ich.« Lark öffnete die Tür. »Nochmals vielen Dank für die Fahrt. Ich schulde dir was.«

»Da hast du recht«, platzte er heraus.

Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich von höflich zu misstrauisch. »Wie bitte?«

»Du schuldest mir eine Zeichnung. Du hast deine Aufgabe nicht abgegeben.«

Ihre zarten Brauen senkten sich wieder. »Ich wusste nicht, dass ich das muss.«

»Ich nehme meine Pflichten als Kursleiter sehr ernst«, sagte er und versuchte, eine gewisse Leichtigkeit in seine Stimme zu legen. »Ich bin bereit, das Bild das nächste Mal zu akzeptieren, aber unter einer Bedingung.«

»Und die wäre?«

»Holzkohle«, sagte er. »Du wählst Thema und Größe, doch es muss Kohle sein.«

»Das ist alles?« Sie betrachtete ihn mit zusammengekniffenen Augen unter ihren dunklen Wimpern hervor.

»Das ist alles«, sagte er.

»Erwarte nicht zu viel.«

Ihre Hände berührten sich, als beide nach der Mappe griffen, und ein seltsames Kribbeln durchzog Nicks Arm. Zum ersten Mal an diesem Abend hatten Larks Wangen eine rosige Farbe angenommen.

Der Anflug eines Lächelns auf ihren Lippen erschien ihm wie ein Lottogewinn.

»Danke, Mr. Hoffman«, sagte sie mit einer erschreckend perfekten Wiedergabe von Tammys Südstaatenakzent. Sein Magen schien hinauf zu seinen Rippen zu schweben, als ihre Blicke sich trafen. Dann glitt Lark aus dem Auto und schlug die Tür zu.

Er wartete, während sie sich auf den Weg zur Veranda machte und einen Code in die leuchtende Tafel neben der Tür eintippte. Sie drehte sich um und winkte, bevor sie im Haus verschwand. Er entdeckte einen Hauch von dunklem Haar am oberen Ende der Treppe, als er in die Nacht hinausfuhr.

*

Das bescheidene Craftsman-Haus mit drei Schlafzimmern in einem Vorort von Spring Valley bildete einen starken Kontrast zu dem eleganten Anwesen der Hockneys. Nick saß bei ausgeschaltetem Licht am Straßenrand und ließ den letzten Song von Howlin’ Wolf zu Ende spielen, während er sich darauf vorbereitete, hineinzugehen.

Als die letzte melancholische Note des Blues-Klassikers verklungen war, stellte er widerwillig den Motor ab, schlich sich die Auffahrt hinauf und schlüpfte durch den Carport-Eingang hinein. Der himmlische Duft von Bolognesesoße hing in der Luft.

»Seit vierzig Minuten ist dein Essen im Ofen. Die Nudeln werden Brei sein, und daran bist du selbst schuld«, sagte Julia Hoffman. Sie stand an der Spüle und wusch das Geschirr, die Schürze hinter ihren breiten Hüften verknotet.

Nick nahm seine Umhängetasche ab und schlang sie über denselben Haken, an dem einst die Schlüssel zu seinem allerersten Auto gebaumelt hatten. Ein verbeulter Mustang, der in seinem letzten Schuljahr jeden Morgen auf dem Weg zur Highschool Motoröl und blauen Rauch hinter sich gelassen hatte.

»Es tut mir leid. Ich musste jemanden nach Hause fahren.«

Ein gelber Geschirrhandschuh verharrte in der Luft, als sie über eine Schulter blickte, die von der jahrzehntelangen Gartenarbeit sonnengeschädigt war. »Oh?«

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