Kapitel 3
Ben liebte das Abenteurerleben. Er liebte das Prickeln, die immer neuen Herausforderungen und sich ihnen zu stellen. Und er liebte es, während seiner Abenteuer Freunde zu finden.
Aber wenn er ganz ehrlich war, hatte er die Nase gestrichen voll von Zombies.
Mit einem Mal war es mit der Grabesstille in dem zerstörten Dorf vorbei, und er war umgeben vom unmenschlichen Grunzen und Stöhnen der Untoten. Insgesamt ein Dutzend dieser Monster kam aus den Hausruinen, die die Straße säumten, auf sie zugetorkelt. Die meisten Monster trugen Eisenrüstungen – ein ziemlich sicherer Hinweis, dass sie früher Mitglieder von Logans Armee gewesen waren. Vielleicht wurden sie hier zurückgelassen, nachdem der Wither weitergezogen war – in den Schatten lauernd, bis potenzielle Opfer vorbeispazierten.
»Sie werden uns einkesseln«, warnte Ben. »Wir müssen uns irgendwie verteidigen, Bobbie.«
»Meinetwegen«, erwiderte sie. »Aber keine tödlichen Wunden. Versucht, sie einzufangen, anstatt sie umzubringen, okay?«
»Keine Sorge, ich kenne die Regeln«, gab Ben zurück und hob sein Schwert.
»Du vielleicht«, konterte Bobbie. »Bei unseren beiden Begleitern bin ich mir da nicht so sicher.«
Ben musste zugeben, dass sie sich wahrscheinlich zu Recht sorgte. Logan war es nicht gewohnt, Kämpfen aus dem Weg zu gehen. Und obwohl er Ben Zwei noch nicht lange kannte, war dessen dringendes Bedürfnis, sich selbst zu beweisen, nahezu greifbar – so, als bestünde zwischen ihm und Logan eine Art Wettbewerb. Leider führte derartiges Konkurrenzdenken meistens zu Rücksichtslosigkeit und Leichtsinn.
Wobei sich Ben kaum weniger rücksichtslos verhielt. Nur lag es in seinem Fall daran, dass er sich so sehr um den Rest seiner Gruppe sorgte, dass er seine eigene Sicherheit vernachlässigte.
Ein besonders aggressiver Zombie stolperte aus einem Haus und richtete die schwarzen Knopfaugen auf Ben. Zum Glück behielt wenigstens ein Gruppenmitglied einen kühlen Kopf.
»Grarr!«, machte Johnny, stürmte drauflos und stellte sich zwischen Ben und seinen Angreifer.
»Danke, Kumpel«, sagte Ben und ergänzte auf ein weiteres Knurren von Johnny: »Du hast völlig recht. Ich verspreche, ich bin ab jetzt vorsichtiger.«
Ben verstand Johnnys Knurren und Grunzen nicht wie eine Sprache, aber die beiden waren schon so lange gemeinsam unterwegs – sowohl zu Land als auch zu Wasser –, dass er die Geräusche des untoten Jungen zumindest interpretieren konnte. Irgendwie … verstanden sie einander. Zum Beispiel war sich Ben inzwischen fast sicher, dass Johnny ihn nicht mehr fressen wollte – ein überaus wichtiger Baustein in jeder funktionierenden Partnerschaft.
Er platzierte ein paar Steinblöcke, um den erwachsenen Zombie auf Abstand zu halten. Leider waren inzwischen weitere Untote auf ihn aufmerksam geworden. »Kannst du kurz kommen und deinen Zombie-Check machen?«, rief er Bobbie zu. »Zum Beispiel der hier: Ist das ein normales Monster oder … ich weiß auch nicht … deine Großtante Matilda?«
»Bin beschäftigt!«, antwortete Bobbie. Sie stand nur einen Steinwurf entfernt, hatte aber alle Hände voll mit einem Zombie zu tun, den sie energisch mit einem Schild auf Abstand hielt. »Sperre ihn irgendwie ein, Ben! Ich sehe ihn mir später an.«
»Wird gemacht, Boss«, erwiderte Ben seufzend und schichtete mehr Steinblöcke zwischen sich und den herannahenden Zombies auf, um sie einzusperren, bis Bobbie die Zeit fand, sie zu begutachten.
Doch ehe ihm klar wurde, was er tat, hatte er sich selbst eingemauert. Fast wäre er über seine eigene Steinmauer gestolpert. »Langsam wird’s lächerlich«, nörgelte er und bog den Oberkörper nach hinten, um einem Zombie-Hieb auszuweichen.
»Hey!«, rief Ben Zwei. »Was soll das, Logan?«
Ben drehte sich zu ihm um – sein Namensvetter hatte sich in einem Spinnennetz verheddert. Die Fäden klebten an seinen Beinen, sodass er sich kaum bewegen konnte … was wiederum die Aufmerksamkeit mehrerer Zombies auf sich zog.
Wie aus dem Nichts wurde Ben von heftiger Panik übermannt. Er hatte selbst schon einmal in Spinnennetzen festgehangen … über einer Lavagrube. Damals hatte sein Leben buchstäblich am seidenen Faden gehangen. Das Erlebnis hatte ihn traumatisiert.
Wo kamen die Netze plötzlich her?
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Logan lief im Zickzack zwischen den Zombies hin und her und platzierte überall Spinnennetze. Kurz vergaß Ben die unmittelbare Gefahr, in der er sich befand. Der Kampfeslärm verstummte jäh, als hätte jemand die Lautstärke heruntergedreht. Logan in Aktion zu erleben, hatte ihn schon oft ins Staunen gebracht. Sein früherer Mentor bewegte sich selbstbewusst und mit präziser Geschmeidigkeit. Im einen Moment war er von mordlustigen Zombies umzingelt, im nächsten entzog er sich der Gefahr mit eleganten Ausweichaktionen und Ausfallschritten, ohne auch nur einen einzigen Kratzer abzubekommen. Energisch rempelte er einen Zombie an, der daraufhin ohne Schaden zu nehmen mit einem Artgenossen kollidierte. Offenbar hatte Logan selbst ohne Schwert und Bogen keinerlei Schwierigkeiten, Bobbies Anweisungen zu befolgen. Ben konnte nicht anders, als ihn zu beneiden. Seine eigenen Fähigkeiten reichten nicht einmal im Ansatz an die seines ehemaligen Mentors heran.
Doch dann riss Logan seine große Klappe auf und ruinierte wie üblich den Moment.
»Was schon?«, gab Logan zurück. »Die Netze machen sie langsamer. Hör auf herumzunörgeln.«
»Aber sie machen auch uns langsamer!«, konterte Ben Zwei. »Weißt du noch? Deine Verbündeten?«
Logan ignorierte ihn und platzierte mitten auf der Straße ein weiteres Spinnennetz. Er machte keine Anstalten, Ben Zwei zu Hilfe zu eilen, der jeden Moment überrannt werden würde. Der Jüngere steckte immer noch bis zur Hüfte in Spinnennetzen und war von drei Zombies umzingelt. Einem hätte er problemlos ausweichen können, aber damit begab er sich unweigerlich in die Reichweite der anderen.
Ben setzte sich in Bewegung – angespornt durch den Anblick einer hilflosen Person, vergaß er seine Angst. Mühelos sprang er über die soeben errichtete niedrige Steinmauer und drängelte sich im Zickzack an den Zombies vorbei, wie er es bei Logan beobachtet hatte. Er stolperte, wäre fast hingefallen, fing sich aber rechtzeitig und versuchte, dabei so lässig wie möglich auszusehen, um den Anschein zu erwecken, er hätte es absichtlich getan.
Ben Zwei war höflich genug, so zu tun, als kaufte er ihm die Theatervorstellung ab. »Danke«, sagte er, als Ben einen der Zombies aus dem Weg schubste, um dem Jüngeren Gelegenheit zu geben, sich mit dem Schwert aus dem Netz zu befreien.
»Kurze Atempause«, schlug Ben vor und schichtete geschwind einen Steinwall auf, um sich und Ben Zwei vor den grabschenden Untoten zu schützen. Die Monster versuchten, zu ihnen durchzudringen, aber ohne Erfolg.
Von diesem Standort aus hatten die beiden Bens einen guten Blick aufs Schlachtfeld – aus der einst geraden Hauptstraße war ein Irrgarten aus Spinnennetzen und Steinen geworden. Zombies torkelten um die mäandernden Steinmauern herum und versuchten vergeblich, ihre Opfer zu ergreifen. Logan schnitt alberne Grimassen, um die Zombies zu verspotten, die durch ein Meer aus Spinnennetzen verlangsamt wie in Zeitlupe auf ihn zutorkelten.
»Rarr!«, machte Johnny. Auch er hatte sich in einem Netz verfangen. Er saß fest und blickte äußerst missgelaunt drein.
»Das ist doch bescheuert«, beschwerte sich Ben Zwei. »Wenn wir nicht gegen sie kämpfen dürfen, was machen wir dann überhaupt hier?«
»Er hat nicht unrecht, Bobbie«, stimmte Ben zu. »Untote werden nie müde und geben nie auf. Außerdem ist es Nacht, was bedeutet, dass jederzeit neue Monster spawnen könnten. Wir müssen langsam anfangen, ihre Anzahl zu dezimieren.«
»Sieh ihnen in die Augen, Ben«, wies ihn Bobbie an, beugte sich gefährlich nahe an einen Zombie heran, der in einem Netz festhing, und betrachtete eingehend dessen Gesicht. »Wenn ihre Augen schwarz anstatt rot sind, können sie nicht geheilt werden.«
Ben grinste Ben Zwei an. »Augen schwarz, da hilft kein Arzt. So können wir’s uns merken.«
»Ben!«, rief Bobbie. »Ich habe einen. Diesen Zombie erkenne ich!« Sie strahlte ihren Freund an, während besagter Zombie mit dem Netz kämpfte. »Das ist Kaplan Avery!«
»Drehe ihm bloß nicht den Rücken zu!«, warnte Ben. »Noch ist er nicht geheilt.«
»Aber wir können ihn heilen!«, erwiderte Bobbie. »Ich weiß es!«
Ben war sich da nicht so sicher. Schließlich hatten sie die Heilmethode aus dem Buch der Hexe noch nicht ausprobiert. Außerdem kam es Ben fahrlässig vor, ausgerechnet einer solchen Quelle zu vertrauen. Genau aus diesem Grund hatten sie Johnny noch nicht geheilt. Aber sie konnten es nicht ewig aufschieben.
»Okay, gib mir einen Moment. Ich muss das vorbereiten«, rief er und stellte eine Werkbank auf. Eine riskante Aktion inmitten all der Monster – irgendeines von ihnen würde früher oder später einen Weg durch das Labyrinth finden. Aber er hatte Verbündete, die auf ihn aufpassten. »Gibst du mir Deckung?«, fragte er Ben Zwei.