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Immer mit der Ruhe. Eine Matjes-Mordermittlung

Als Buch hier erhältlich:

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Eine verschlafene Ostseeinsel. Zwei ungleiche Hobby-Ermittler. Ein Mordopfer, viele Schafe und viel zu viele Verdächtige …

Auf Schroffenige passiert normalerweise gar nichts - doch die tote Seminarleiterin am Strand erschüttert die kleine Inselgemeinde. So hatte sich Scarlett ihr Wellness-Retreat nicht vorgestellt: Statt nach Sylt geht es auf die neblige Ostseeinsel Schroffenige, statt Entspannung ähneln die Kurse einem Bootcamp; und als jemand die Seminarleiterin erschlägt, sind eigentlich alle erleichtert. Doch dann gerät Scarletts beste Freundin unter Verdacht, und ihr bleibt nichts anderes übrig, als zusammen mit dem zurückhaltenden Inselanwalt Matthias zu ermitteln. Findet sie auf der Insel am Ende vielleicht mehr als nur den wahren Täter?

Auftakt für eine neue Ermittlerreihe an der deutschen Küste

Witzige Urlaubslektüre für alle, die beim Lesen gern laut auflachen


  • Erscheinungstag: 25.03.2025
  • Seitenanzahl: 320
  • ISBN/Artikelnummer: 9783365008980

Leseprobe

Zum Buch:

Strand und Wiesen, funkelndes Sonnenlicht auf den Ostseewellen und immer viel Wind um die Nase – Matthias Hebereits Leben verläuft in geordneten Bahnen, und das gefällt ihm. Er liebt das Leben als Notar und Anwalt auf seiner kleinen Heimatinsel Schroffenige einfach. Als eine Leiche am Strand entdeckt wird, gerät die kleine Inselgemeinde in Aufruhr. Mit einem Mal ist nicht nur Matthias’ anwaltlicher Beistand gefragt, er wird für die Freundin der Verdächtigen auch noch zum Dr. Watson. Aber Matthias wäre nicht Matthias, wenn er das nicht auch mit scharfem Verstand und der nötigen Ruhe bewältigen würde!

Zu den Autorinnen:

Bode & Elste heißen eigentlich Karen Elste und Christine Bode. Die beiden Schriftstellerinnen leben und arbeiten in Berlin, haben bereits zahlreiche eigene Romane veröffentlicht und schreiben jetzt zum ersten Mal gemeinsam. Seit vielen Jahren befreundet, erfanden sie während eines gemeinsamen Urlaubs die beschauliche Ostseeinsel Schroffenige, ihre Bewohner, Besucher und das charmante Ermittlerteam, das sie einfach nicht mehr losgelassen hat.

Lieferbare Titel:

Immer mit der Ruhe. Eine Matjes-Mordermittlung

Bode & Elste

Immer mit der Ruhe

Eine Matjes-Mordermittlung

Kriminalroman

HarperCollins

1

Es muss nicht immer Sylt sein

Scarlett

»Und wer übernimmt die In-House-Kommunikation für das neue Projekt?«

Scarlett beobachtete, wie der Blick ihrer Chefin Pamela all die kleinen Kacheln, all die kleinen Porträts ihrer Kollegen in der Web-Konferenz nach Meldungen absuchte.

Rasch klickte sie auf das Mikrofon-Symbol in der unteren Ecke ihres Bildschirms. »Ja, das würde ich sehr gern übernehmen. Ich habe auch schon eine –« Weiter kam sie nicht, denn Pamela redete einfach weiter. »Gut, Tom, das passt doch. Herbert, ich sehe, dass du dich für die Finanzplanung im Chat gemeldet hast. Toller Einsatz.«

Für einen kleinen Moment verschwamm Pamelas blondes Haar mit dem Hintergrund ihrer weißen Wand, dann wurde das Bild wieder klar.

»Ich würde wirklich gern –«, setzte Scarlett noch einmal an.

»Schön, schön«, Pamela rieb sich die Nasenspitze. »Schön. Finde ich gut, dass ihr diesmal die Key-Positions alle so reibungslos aufgeteilt habt. Wir wachsen wirklich langsam zusammen. Wer kümmert sich um den Zeitplan? … Anka, schön. Alle anderen wissen ja eh, was sie zu tun haben. Ich freue mich auf die neue Herausforderung.« Sie lehnte sich in ihrem Schreibtischstuhl zurück.

Scarlett blinzelte, öffnete noch einmal den Mund, um etwas zu sagen, bis ihr einfiel, dass sie eben schon nicht durchgedrungen war. Lag es an der Verbindung? An der Technik? Hastig begann sie, in den Chat zu tippen: Schade, ich hatte mich gemeldet und …

»Wunderbar. Und jetzt alle an die Arbeit. Bis morgen früh.« Pamela klang enthusiastisch.

Scarlett tippte schneller: … würde mich wirklich gern diesmal …

Ein kleines »Ping« signalisierte, dass Pamela die Konferenz verlassen hatte. Eine Kachel nach der anderen wurde dunkel.

»Tom«, rief Scarlett, »hast du noch kurz –« Zack. Auch Tom war weg.

»Scarlett, Liebes, du bist eingefroren, falls du mich hörst …«

Hoffnungsvoll suchte jetzt auch Scarlett die wenigen verbliebenen Fenster ab. Da! Petra. »Ja, Petra, ich –«

»… ich brauche die Zusammenfassung der Tabellen für das alte Projekt bis morgen, ja?«

Scarlett sank ein wenig in sich zusammen und pustete ein paar Ponysträhnen aus ihrer Stirn. »Du meinst nicht mich«, sagte sie leise, wohl wissend, dass niemand sie hörte. »Die Tabellen macht Anka.«

Ach, was soll’s. Sie würde Petra nachher eine E-Mail schreiben.

Jetzt klickte auch sie auf »Verlassen«. Ein wenig enttäuscht war sie schon, hatte sie doch gehofft, in dem neuen Projekt endlich eine der »Key-Positions« zu ergattern und nicht wieder nur im Team zu landen. Das Team war so … Man ging einfach unter, fand sie.

Scarlett schloss das Fenster der Videokonferenz und bestätigte anschließend das schon länger dringlich eingeforderte System-Update. Sie schob ihren Schreibtischstuhl zurück und blinzelte kurz in die Morgensonne, die durch das schmale Fenster ihres Schlafzimmers auf den Schreibtisch fiel. Dann stand sie auf, zupfte ihre Jogginghose zurecht und schlüpfte aus der weißen Bluse, die sie vorhin für die Web-Konferenz übergezogen hatte, bevor sie sich in der Küche eine weitere Tasse Kaffee einschenkte.

Besser. Homeoffice bedeutete eben auch, dass sie im Unterhemd arbeiten konnte, wenn es warm war. Wobei sie den Zeiten im Büro doch ein wenig nachtrauerte. Sie hatte das Gefühl, dass ihr in den Web-Konferenzen mitunter der Biss fehlte. Andere waren lauter und vor allem schneller als sie. Menschen, dachte sie und ließ sich wieder auf ihren Schreibtischstuhl fallen, Menschen waren so wunderbar unterschiedlich.

Als ihr Telefon ein paar Minuten später klingelte, installierte das System immer noch das neueste Update ihrer Arbeitsumgebung.

»Badendorf … äh … Scarlett?« So ganz konnte sie sich an die flache Hierarchie und die Nutzung der Vornamen – beides von Pamela eingeführt – noch nicht gewöhnen. Und schon wieder hatte sie einfach abgehoben, ohne den Namen des Anrufers auf dem Display zur Kenntnis zu nehmen. Heute war vielleicht einfach nicht ihr Tag.

»Du, Scarlett, hast du kurz Zeit?«

»Karin!« Sie warf einen unsicheren Blick auf ihren Monitor, in dessen Mitte sich eine blaue Sanduhr auf schwarzem Hintergrund hektisch drehte. Die Statusanzeige hatte sich, seit sie sich ihren zweiten Kaffee geholt hatte, kein Stückchen bewegt.

»Eigentlich arbeite ich … Ach, was soll’s.« Karin war ihre beste Freundin, und Freundinnen ließ man nicht hängen. »Ein paar Minuten sind schon drin. Wie geht’s dir?«

»Ja, ich will dich auch gar nicht lange stören. Es ist nur … es ist wegen des Wellness-Retreats in zwei Wochen.«

»Och, sag jetzt nicht, dass es ausfällt! Ich habe mir schon zwei Yogaanzüge bestellt und eine Windjacke gekauft. Anfang April ist es auf Sylt bestimmt noch ziemlich kalt.« Scarlett hatte in den vergangenen Tagen ihren kleinen hellgelben Koffer zumindest im Geiste schon mehrmals ein- und wieder ausgepackt.

»Ja, wegen Sylt …« Ihre Freundin atmete hörbar durch die Nase ein. »Lydia hat … Also, es gab ein Missverständnis mit dem Hotel. Es ist ausgebucht.«

Scarlett seufzte. »Das schöne Hotel mit dem Indoorpool und der Wellness-Abteilung?«

»Ja. Leider. Anscheinend hat man dort Lydias E-Mail nicht erhalten. Und alle anderen Hotels sind auch belegt. Deshalb findet unser Retreat jetzt einfach nicht auf Sylt statt, sondern auf Schroffenige. Aber Hauptsache Insel, oder? Haha!« Karins Lachen klang ein bisschen unbehaglich. »Du, das wird ganz toll«, versicherte sie dann betont munter. »Das Hotel hat ein Reetdach, einen super Gymnastikraum, und wir haben es wohl fast für uns allein. Das ist doch viel besser als Sylt, wo alle im Frühling schon mal schnell ein bisschen Sonnenbräune vor dem Sommer tanken wollen. Und sag jetzt bitte nicht, dass du abspringst«, fügte sie hastig hinzu. »Weil … Scarlett, ich brauche dich für die Mindestteilnehmerzahl. Zwei haben schon storniert.«

»Ach, das ist ja nicht so schön, dass wir schon zwei weniger sind.« Scarlett kratzte sich am Kopf und schaute noch einmal auf ihren Bildschirm. Der war inzwischen komplett schwarz. Vielleicht war die Sanduhr müde geworden? »Aber sag mal, wo ist denn Schroffenige?«

Karin überging ihre Frage. »Wir machen uns das trotzdem schön, versprochen«, beteuerte sie. »Dann wird es eben ein bisschen kuscheliger und die Gruppe kleiner, aber Scarlett, wenn das mein neues berufliches Standbein werden soll, dann brauche ich diese Reise … Ich bin so froh, dass Lydia mir die Chance gibt, das Retreat mit ihr zusammen zu leiten. Niemand engagiert einen Wellness-Coach, der solche Kurse nicht im Portfolio hat. Du, warte mal kurz, ich glaube, da draußen steht der Paketbote.«

»Sicher.« Scarlett beugte sich vor und ließ den Finger über dem Powerknopf ihres Rechners kreisen. War er jetzt abgestürzt? Sollte sie ihn einfach ausschalten? Sie legte den Finger auf den Button und zog ihn hastig zurück, als der Computer laut piepte. Zack. Der Statusbalken war wieder auf den Anfang zurückgekehrt, dafür drehte sich die Sanduhr jetzt ruhiger.

Wellness-Coach. Karin hatte jetzt schon so lange nicht mehr gearbeitet, dass sich auch Scarlett nur schwer vorstellen konnte, wie ihre Freundin je wieder ins Controlling zurückfinden sollte. Erneut kratzte sie sich am Kopf. »Und sonst, wie geht es dir sonst?«, erkundigte sie sich, nachdem Karin wieder in der Leitung war.

»Nicht dieser mitleidige Ton, bitte.« Karin lachte laut und nicht besonders fröhlich. »Ich bin sehr glücklich als Single und genieße meine Freiheit. Bert ist frei, ich bin frei und …«, ihre Stimme zitterte, »… und die Frau, mit der er jetzt zusammenwohnt, ist frei, und alle sind frei.«

Scarlett hörte, dass ihre Freundin ein Schluchzen unterdrückte. »Du, Karin, du musst das nicht so schnell wegstecken. Das erwartet niemand von dir. Wie lange wart ihr zusammen? Achtzehn Jahre?«

»Seit der Uni. Dieses Jahr wären es zwanzig Jahre. Zwanzig Jahre, kannst du dir das vorstellen?«

Unwillkürlich schüttelte Scarlett den Kopf, auch wenn ihre Freundin sie nicht sehen konnte. Nein, das konnte sie sich tatsächlich nicht vorstellen. Und Bert offenbar auch nicht, denn er hatte sich vor drei Wochen von Karin getrennt und war zu der Frau gezogen, mit der er seit ein paar Monaten eine Affäre hatte. Das erwähnte sie aber jetzt lieber nicht.

»Und weißt du, was richtig schlimm ist?« Karin sprach jetzt ganz leise – so als würde jemand mithören, dabei saß sie doch wahrscheinlich mutterseelenallein auf der weißen Designercouch in ihrem großen Wohnzimmer in Lerchesberg mit Blick auf den Wald. »So richtig schlimm ist, dass alle denken, ich wäre eine schlechte Ehefrau gewesen, ich hätte irgendwie versagt, ich … ich wäre nicht gut genug im Bett oder so.«

»Niemand denkt das«, widersprach Scarlett rasch.

»Ich weiß, dass du das nicht denkst, du kennst das ja. Verlassenwerden und so, meine ich. Davon kannst du ja ebenfalls ein Liedchen singen. Ach, ist auch egal. Bert ist Bert und Bert ist weg. Fertig.« Sie räusperte sich.

Scarlett ignorierte Karins Anspielung auf ihre vergangenen Beziehungen. Jetzt war weder die Zeit noch der Ort, um das zu thematisieren. »Und was passiert mit dem Haus? Habt ihr euch schon geeinigt?«, fragte sie stattdessen.

Karin schluckte hörbar. »Fakt ist, selbst wenn mein Wellness-Business durch die Decke gehen sollte … Lerchesberg werde ich mir allein nicht leisten können. Wenn ich von Sylt, nein, Schroffenige zurück bin, muss ich mir dringend eine neue Wohnung suchen. Was ist denn eigentlich bei dir im Haus? Ist da was frei? Ich meine, Gallus ist schon ganz nett, nicht weit vom Rebstockpark …«

Wieder piepte ihr Computer und wurde schwarz. Scarlett zuckte zusammen.

»Ja, das stimmt, aber hier werden die Leute normalerweise waagerecht rausgetragen, Karin.«

Ihre Freundin seufzte. »Also muss ich jemanden umbringen oder weitersuchen.«

»Das findet sich schon. Zur Not räume ich mein Schlafzimmer, und du kommst zu mir.«

Karin lachte laut auf. »Wie süß, aber du würdest es keinen halben Tag mit mir aushalten.«

»Auf … wie heißt unser Domizil noch mal? Egal, da müssen wir es zwei Wochen miteinander im Doppelzimmer aushalten«, gab Scarlett fröhlich zurück.

»Schroffenige heißt die Insel, der Ort heißt Hochdeich. Und nein, der Vorteil daran ist, dass wir jetzt alle ein Zimmer für uns allein haben. Du, wenn es da hübsch ist – vielleicht bleib ich einfach da?«

»Wo ist denn Schroffenige eigentlich?«, fragte Scarlett noch einmal.

Wieder blieb Karin ihr die Antwort schuldig und spann ihren Gedanken unbeirrt weiter. »Ja, genau, vielleicht ist es so toll, dass ich dort ein Yogastudio eröffne oder …«, sie kicherte, »ich verliebe mich in den Hafenmeister oder … du, ich muss Schluss machen, ich habe gleich eine Klientin. Himmel, wie die Zeit mit dir immer rennt. Du, wir hören uns, ja? Falls nicht, sehen wir uns spätestens auf der Fähre nach Schroffenige. Den neuen Reiseplan schicke ich dir noch. Bis bald.«

Bevor Scarlett noch etwas sagen konnte, legte sie auf. Scarlett rieb sich die Augen. Was für ein ereignisreicher Vormittag! Inzwischen drehte sich die Sanduhr vor einem weißen Bildschirm. War das jetzt eine Verbesserung?

Und wo lag nun Schroffenige?

Egal, jetzt hatte sie keine Zeit, das herauszufinden. Eigentlich hatte sie Petra schnell eine E-Mail schreiben wollen, aber wer weiß, wann das Update fertig war? Zum Glück gab es ja noch andere Wege der Kommunikation. Lächelnd griff sie wieder nach ihrem Smartphone.

Es klingelte dreimal, dann hörte sie Petras Stimme und ein lang gezogenes »Jaaaa?«.

»Ich bin’s, Scarlett.«

Einen Moment war es still. »Ach, ja, Scarlett! Ich habe mich schon gewundert mit der unbekannten Nummer … Na ja, hast du die Tabellen für mich?«

»Nein, ich wollte dir nur sagen, dass du die Tabellen bei Anka anfordern musst.« Scarlett griff nach einem der Kugelschreiber aus der Schale vor ihr und tippte damit auf den unteren Rand ihrer Tastatur. Von jeder Urlaubsreise brachte sie einen mit. Den hellblauen hatte sie sich im letzten Jahr gekauft. »Rügen« stand groß darauf. Bald würde einer von … wie hieß das? Schroffenige. Bald würde einer von Schroffenige hier liegen.

»Ah, von Anka. Ja, sicher. Wusste ich doch. Ich rufe sie gleich mal an.«

»Du und, Petra, ich … also, die Zusammenfassung kann ich dir noch nicht schicken. Mein System läuft gerade nicht.«

»Zusammenfassung?« Petra klang ehrlich verwirrt. »Die habe ich von Tom schon vor zwei Tagen bekommen.«

»Was? Aber das … Dafür war ich zuständig.« Scarlett richtete sich auf.

»Ich bin mir sehr sicher, dass das Toms Aufgabe war. Schau, ich habe jetzt den Projektplan nicht vor mir … Doch, ja, ich hab die E-Mail von Tom.«

»Bedeutet das nicht auch, dass –« Scarlett brach ab. Hätte sie etwas anderes erledigen sollen? Ihr wurde heiß und kalt. Hatte sie etwas vergessen? Unmöglich! Seit zwei Wochen saß sie an dieser verdammten Zusammenfassung und hatte alle anderen damit verrückt gemacht. Dafür hatte sie sich im Start-Meeting gemeldet, daran konnte sie sich genau erinnern. Sie sah noch vor sich, wie Pamela ihr zugenickt und sie angelächelt hatte. Pamela in der großen Kachel in der Mitte des Bildschirms.

»Du, bis auf Ankas Tabellen ist alles fertig«, versicherte Petra. »Wenn ich die habe, dann kümmere ich mich um das Layout, und wir sind durch.«

»Durch?«, wiederholte Scarlett matt.

»Ja, super, oder? Pamela hat das echt im Griff. Ich finde sie ja nicht immer einfach, aber sie ist schon effektiv in dem, was sie tut, muss ich sagen.«

Verwirrt blinzelte Scarlett. Anka machte die Tabellen, Tom die Zusammenfassung – und was machte sie? Demnächst Ferien – immerhin das.

»Ach, noch etwas, Petra. Ich gehe in zwei Wochen in Urlaub, und laut Plan bist du meine Vertretung –«

»Sicher, sicher. Schreib einfach meine E-Mail-Adresse in deine Abwesenheitsnotiz, kein Problem. Wo fährst du denn hin?«

»Schroffenige. Weißt du, wo das –«

»Klingt ja toll. Ich wünsch dir gute Erholung, Scarlett. Bis bald.«

Der Bildschirm ihres Smartphones wurde dunkel, doch Scarlett konnte den Blick nicht abwenden. Wofür genau war sie in ihrer Firma eigentlich zuständig?

* * *

Scarlett nahm die Sonnenbrille ab und verstaute sie in ihrem blau-weiß gestreiften Etui. Die dunklen Gläser waren nicht mehr nötig. Vor einer halben Stunde hatte die »Stern der Ostsee« bei strahlendem Sonnenschein abgelegt, doch inzwischen waren immer mehr Wolken aufgezogen, bis der Himmel schließlich so weiß war wie ein Stück Papier.

Noch immer hatte sie dieses fahrige Gefühl, dieses Gedankenknäuel in ihrem Kopf, das sie oft am ersten Urlaubstag verspürte. Hatte sie den Herd ausgeschaltet? Die Wohnungstür abgeschlossen? Beides konnte sie bejahen, beides hatte sie überprüft. Stimmten alle Angaben in ihrer automatischen Abwesenheits-Mail? Auch das. Vorsichtshalber hatte sie sich vorhin am Bahnhof selbst eine E-Mail geschrieben und zu ihrer Erleichterung prompt eine Antwort erhalten. Sicher waren alle Anliegen, die jemand an sie stellen könnte, bei Petra gut aufgehoben. Das hieß, falls jemand überhaupt ein Anliegen hatte. Sie schob den Gedanken an ihre Arbeit weit weg.

»Urlaub«, sagte sie halb laut zu sich selbst, lehnte sich auf ihrer Bank zurück und ließ den Blick über das offene Meer schweifen. Kleinere Wellen, mit weißer Gischt bekrönt, kräuselten sich im kühlen Wind.

Fröstelnd hob Scarlett die Schultern und griff nach ihrem Schal. Sollte sie sich lieber unter Deck zum Rest der Gruppe setzen? Andererseits genoss sie den Seewind hier oben, die salzige Luft und das Geschrei der Möwen, die über der Fähre kreisten.

Außer ihr selbst hatten noch eine schmale dunkelhaarige Frau Ende zwanzig, die nicht zur Reisegruppe gehörte, und der Mann, der sich allen Ernstes Siddhartha nannte, die steile Treppe nach draußen erklommen. Nachdem sie vorhin an Bord gegangen waren, hatte Siddhartha seinen Seesack so schwungvoll zu den anderen Gepäckstücken geschleudert, dass er zielsicher wie mit einer professionell geworfenen Bowlingkugel eine kleine Kofferfamilie auf dem Gepäckablagebereich abräumte, bevor der unförmige Beutel sicher in einer Ecke landete.

»Alle Neune«, hatte Scarlett spontan ausgerufen und gelächelt, worauf Siddhartha begeistert mit einem Peace-Zeichen geantwortet hatte. Auf Lydias eiskalten Blick hin hatte Scarlett schuldbewusst den Kopf gesenkt, bis Karin sie hastig Richtung Treppe schob. »Geh doch schon mal an Deck«, sagte ihre Freundin. »Ich komme gleich nach und bringe uns Tee mit.«

Diese Lydia hatte Scarlett sich jedenfalls ganz anders vorgestellt. Mehr … mehr wie Siddhartha vielleicht, der natürlich eigentlich anders hieß – in der Teilnehmerliste hatte Dieter gestanden. Sie warf Siddhartha, der barfuß auf der anderen Seite des Decks im Schneidersitz auf einer Bank saß, einen kurzen Seitenblick zu. Die Augen fest geschlossen und das Kinn zum Himmel gereckt, presste er vor seiner nackten, kettenbehangenen Brust die Handflächen aneinander. Scarlett musterte skeptisch die Bohlen unter ihren Füßen. Dreck, Schiffsdiesel, vielleicht auch ein bisschen Hundekot vom Festland – sie mochte nicht wirklich darüber nachdenken, welche Komponenten des täglichen Lebens, die sonst an Schuhsohlen klebten, jetzt die hornigen Fersen ihres Reisegefährten schwarz färbten.

Nun ja, vielleicht nicht ganz so extrem, aber nach Karins Beschreibungen hätte sie Lydia auf jeden Fall eher in der Öko-Ecke verortet. Wallende Leinenkleider, klimpernde Steinketten, wirre Haare. Stattdessen trug Lydia einen sorgfältig geföhnten und blond gefärbten Bob, der sich selbst in der steifen Brise am Hafen keinen Millimeter bewegt hatte. Das kurze Designerkostüm und die beachtlich hohen dünnen Absätze erinnerten Scarlett eher an ihre Chefin Pamela.

Scarlett wickelte sich den Schal um den Hals. Sie hatte das Gefühl, dass es beinahe minütlich ein Grad kälter wurde. Und damit war sie nicht allein. Selbst Siddhartha schlüpfte jetzt in das karierte Hemd, das er vorher locker um die Hüften geknotet getragen hatte.

Plötzlich mischten sich lauter werdende Stimmen in das Möwengeschrei.

»Das ist einfach nicht wahr!«

Als sie Karins Stimme erkannte, drehte Scarlett sich zur Treppe um und machte Anstalten aufzustehen, hielt dann aber in der Bewegung inne. Karin war nicht allein. Lydia stand ihr gegenüber auf der halben Treppe zum Oberdeck und funkelte sie böse an.

»Du kannst doch nicht einfach –« Das war eindeutig Karin, und sie klang empört. Ungläubig und … und wütend. Scarlett runzelte die Stirn.

»Shhh«, zischte Lydia und senkte die Stimme so weit, dass Scarlett sich konzentrieren musste, um zuzuhören. »Natürlich kann ich. Das ist mein Retreat, und wenn es dir nicht passt, kannst du die nächste Fähre nach Hause nehmen!«

Karin öffnete den Mund, schloss ihn dann jedoch wieder und presste die Lippen einen Moment lang fest aufeinander, bevor sie leise etwas antwortete.

Lydia lachte gurgelnd, und Scarlett beobachtete amüsiert, wie sie sich in ihre Betonfrisur griff. Auf halbem Weg blieb sie mit den Fingern stecken, zog sie heraus und schüttelte die Hand, als würde etwas daran kleben.

»Das wirst du büßen!« Karins Stimme klang kalt. Der Ärger war Resignation gewichen.

Lydia hob nur ihre schmalen Schultern und ließ sie wieder fallen, bevor sie sich umdrehte und wieder unter Deck verschwand.

Karin jedoch blieb stehen. Scarlett sah, wie ihre Kiefermuskeln unter den blassen Wangen arbeiteten. Rasch hob sie eine Hand. »Karin!«, rief sie betont fröhlich. »Karin, hier!« Als könnte man die einzige Frau auf dem Oberdeck irgendwie verpassen oder übersehen.

Noch einen Moment lang blieb Karin stehen und starrte die Treppe hinunter, bevor sie sich einen Ruck zu geben schien und die letzten beiden Stufen nach oben auf einmal nahm.

Das Lächeln, das sie nun aufsetzte, kannte Scarlett gut. Es zog ihre Mundwinkel zwar nach oben, erreichte Karins Augen jedoch nicht. Normalerweise war es Kellnern, Verkäufern und ihrem Mann vorbehalten, wenn dieser eine Anekdote aus ihrer gemeinsamen Vergangenheit erzählte. Ex-Mann, korrigierte sich Scarlett im Geiste.

»Alles in Ordnung?« Sie legte den Kopf schräg und sah ihre Freundin prüfend an.

»Sicher, sicher«, erwiderte Karin eine Spur zu schnell und machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Das klang aber eben –«

»Wirklich, es ist … es ist nichts. So ein Retreat ist eine Menge Arbeit«, unterbrach sie Karin sofort.

»Kann ich etwas für dich tun?«

Tatsächlich wurde das Lächeln ihrer Freundin jetzt weicher, beinahe mild. »Wie lieb, Scarlett, aber alles ist in Ordnung. Wirklich.«

Ungläubig hob Scarlett die Augenbrauen. Das wirst du mir büßen? »Na, wenn du meinst. Sag mal, wo ist eigentlich unser Tee?«

Entschuldigend hob Karin beide Hände. »Wasserkocher und Kaffeemaschine sind kaputt. Die verkaufen nur Limonaden. Soll ich dir eine holen?«

»Nein, danke.« Scarlett seufzte. »Wie schade.«

»Ja, ist wirklich frisch hier draußen auf dem Wasser.« Karin zog eine dünne Ledermappe aus ihrer Umhängetasche. »Stört dich nicht, wenn ich ein bisschen Papierkram erledige, oder?«

»Nein, sicher nicht, aber willst du das nicht lieber unter Deck –« Jetzt unterbrach sich Scarlett selbst. Dort unten war Lydia. Der Karin nach diesem Streit vermutlich lieber aus dem Weg ging.

»Frische Luft ist ja sooo gesund«, murmelte Karin und tippte mit der Spitze ihres Kugelschreibers auf die Aktenmappe.

In den weißen Himmel hatten sich jetzt graue Schlieren gemischt, so als hätte jemand mit einem Pinsel schwarze Wasserfarbe verwischt. Dunst stieg vom Meer auf wie Wasserdampf über einer heißen Tasse Tee, an der Scarlett ihre kalten Finger jetzt gern gewärmt hätte. Stattdessen schob sie die Hände in die Taschen ihrer neuen dunkelgrünen Outdoorjacke.

Vorhin am Hafen hatte sie gelacht, als sie feststellte, dass sie und Yvonne dasselbe Modell trugen, nur in unterschiedlichen Farben. Die junge Yvonne mit den aschblonden Haaren und dem unscheinbaren Mausgesicht hatte sich für ein knalliges Orange entschieden. »Hübsch, hübsch«, hatte Lydia gesagt und spöttisch gelächelt. »Erinnert mich … Moment, ich habe es gleich … ja, an die Berliner Müllabfuhr.«

Yvonne war blasser geworden und in sich zusammengesunken.

»Ich finde die Farbe toll«, hatte Scarlett rasch und laut gesagt. »Sieht man nicht alle Tage.«

Doch der Schaden war angerichtet. Scarlett hatte es in Yvonnes Blick gesehen. Warum waren manche Menschen so unachtsam mit ihren Worten?

Scarlett schüttelte den Kopf und schaute wieder über das Meer. Sie kniff die Augen zusammen und stieß Karin mit dem Ellenbogen an. »Guck mal, ich glaube, da vorn ist Schroffenige.«

Karin sah ungnädig auf. »Der schwarze Punkt? Das könnte alles sein.«

Scarlett lachte. »Aber Schroffenige ist doch am wahrscheinlichsten.« Sie stand auf und lehnte sich an die Reling.

2

Hastig zum Hafen

Matthias

»Du würdest es mir bestimmt sagen, wenn du wüsstest, wo es ist?«

Matthias hob den Kopf über die Tischkante, um Kapitän Ahab streng anzusehen, was diesen jedoch herzlich wenig zu beeindrucken schien. Jedenfalls senkte er nur kurz die Lider – vielleicht einfach deshalb, weil er müde war, so wie fast den ganzen Tag über –, aber Matthias entschied für sich, dass sein neuer Mitbewohner ihn angeblinzelt hatte. Schließlich war es ein Zeichen von Vertrauen, wenn eine Katze kurz die Augen schloss, zumindest hatte ihm das letztens Diethild erklärt, als er an der Kasse des Inselsupermarkts gestanden hatte, während sie eine Katzenfutterdose nach der anderen über den Scanner zog.

»Wenn er dich anblinzelt, so …«, hatte sie gesagt und ihn über den Rand ihrer Halbbrille fest angesehen, die Augen weit aufgerissen, bevor sie die Lider derart heftig zusammenpresste, als wollte sie mit Gewalt ihren vielen Fältchen noch weitere hinzufügen, »dann vertraut er dir. Das ist ein gutes Zeichen. Du musst dann genauso antworten, damit er weiß, dass du ihn verstehst, und er sich sicher fühlt.«

»Gut«, erwiderte Matthias, während er die Dosen in seiner Aktentasche verstaute. »Das werde ich machen, wenn es …«

»Zeig mal.«

»Zeigen?« Irritiert hob er die Tasche aus braunem Kalbsleder an. »Die kennst du doch. Die hat schon mein Vater …«

»Ach, Matjes, nicht die Tasche.« Diethild gab ihr typisches raues, dunkles Lachen von sich und die beiden älteren Damen, die die Schlange hinter ihm bildeten, fielen mit ein.

»Das meint sie nicht«, warf eine der Kundinnen ein und schüttelte ihre grauen Locken. »Blinzeln Sie mal.«

»Was?«

»Na los.«

Die Frauen drängten sich ihm in dem schmalen Gang zwischen dem Kassenband und dem Regal voller Zeitschriften, Sektpiccolos und Süßigkeiten entgegen. Diethild richtete sich auf ihrem Drehstuhl auf.

Nervös schaute Matthias von einer zur anderen. »Sie können mir glauben, dass ich weiß, wie man …«

»Sie tragen jetzt Verantwortung«, sagte die Lockige und hob mahnend einen Zeigefinger, »für eine kleine verletzliche Seele.«

Unwillkürlich senkte Matthias den Blick auf seine Hände, die kreuz und quer von roten Kratzspuren überzogen waren. Man könnte darüber diskutieren, ob tatsächlich Ahab in ihrer Wohngemeinschaft der Schutzbedürftige war.

Als er wieder aufblickte, sah er in drei erwartungsvolle Augenpaare, die ihn anblinzelten, als gäbe es einen Preis zu gewinnen. Ganz offensichtlich vertraute man ihm, zumindest in Schroffeniges Frischemarkt.

Seufzend ergab er sich in sein Schicksal und gönnte den versammelten Expertinnen für feline Körpersprache den Anblick seiner sich schließenden Augen.

»Genau so!«, lobte Diethild. »Du wirst das großartig machen, und der Kleine hat sich ja nicht umsonst für dich entschieden. Katzen haben einen sechsten Sinn für gute Menschen. Wenn du Glück hast, streckt er dir irgendwann sein Hinterteil ins Gesicht.«

Um zu verhindern, dass Diethild ihn auch noch aufforderte, diese Art der kätzischen Zuneigung zu üben, hatte er weniger sorgsam als üblich seinen Einkauf zusammengepackt und raschen Schrittes den Laden verlassen.

Nun starrte er den Kater konzentriert an. Bislang war ihm kein pelziges Derrière vor die Nase gehalten worden, und er wollte sich darüber nicht beschweren. Doch um das Band zwischen sich und seinem Haustier zu festigen, blinzelte Matthias ebenfalls, was Kapitän Ahab allerdings nur ein desinteressiertes Gähnen entlockte. Na gut, nach zwei Wochen des Zusammenlebens konnte man wohl noch nicht allzu viel erwarten.

Matthias tauchte wieder auf den Boden seines Wohnzimmers ab und starrte in das Dunkel unter der Couch. Wollmäuse, sonst nichts. Verdammich! So ein Notariatssiegel löste sich doch nicht einfach in Luft auf.

Normalerweise bewahrte er es in dem kleinen Tresor in seinem Büro auf, und er müsste es zur Beurkundung des Kaufvertrages eigentlich auch gar nicht mitnehmen. Doch das liebte er nun mal am meisten an seiner Tätigkeit als Notar: den Lack auf die Urkunde tropfen zu lassen und dann das runde Siegel in die glänzende Masse zu drücken. Auf diese altertümliche Art und Weise ein unterschriebenes Stück Papier in eine Urkunde zu verwandeln, faszinierte ihn, seit er als Junge neben seinem Vater gestanden und ihm bei der Arbeit zugesehen hatte. Es war ihm damals vorgekommen, als wäre sein Vater ein Ritter oder zumindest der Verwaltungsbeauftragte eines Ritters.

Nachdem sein Traum, Polizist zu werden, an seinem Unvermögen gescheitert war, die Sportprüfung zu bestehen, hatte das Jurastudium seine Enttäuschung darüber gelindert, denn damit konnte er wenigstens Notar werden und goldene Siegel in roten Lack drücken.

Aber dazu musste er dieses vermaledeite Ding erst finden! Mühsam setzte er sich auf, um erneut auf den Tisch und den darauf befindlichen Tuxedo-Kater zu starren.

»Nun sag schon, wo du es versteckt hast. Ich bin dir auch nicht böse, versprochen. Als du das Siegelgarn abgerollt hast, habe ich ja auch nichts gesagt, obwohl es – und das will ich dir nicht verschweigen – eine Ewigkeit gedauert hat, alles wieder aufzuwickeln.«

Erneut gähnend rollte sich Kapitän Ahab auf den Rücken und stieß dabei das glücklicherweise leere Wasserglas mit der Hinterpfote auf den Boden.

Nun gut, dachte Matthias, mit einer hilfreichen Antwort von einer Katze war wohl ohnehin nicht zu rechnen.

Seufzend stellte er das Glas zurück auf den Tisch, stand auf und strich über Ahabs weißen Bauch.

Sein Smartphone klingelte.

Wo lag das denn jetzt schon wieder? Er folgte dem drängelnden Geräusch die Treppe hinunter ins Erdgeschoss bis zum Abstelltisch im Flur. Dort lag das Handy direkt neben dem Siegel. Natürlich, er hatte sich ja beides schon am Vorabend zurechtgelegt, gleich nachdem er seinen Kurze-Dienstreise-Trolley gepackt hatte, der gerade genug Platz bot für die knitterfreie Unterbringung eines Anzugs (inklusive Hemd und Krawatte) plus Jeans und T-Shirt, Wechselwäsche, Turnschuhen und Kulturbeutel – perfekt für seine viertägige Fahrt nach Hamburg. Alles stand schon bereit, sogar seine Aktentasche und die grüne Softshelljacke, um den Ostseewinden während der Überfahrt nach Stralsund zu trotzen.

Manchmal war er einfach zu gut organisiert.

Er schnappte sich das Telefon, und noch bevor er sich melden konnte, schallte ihm auch schon die aufgeregte Stimme des Bürgermeisters Fiete Jensen ins Ohr: »Matjes, wo bist du? Wir warten hier alle auf dich!«

Verdammich, der Auftritt am Hafen! Fiete hatte den Schroffeniger Heimatchor »Die Nebelhörner« dazu verdonnert, die Nachmittagsfähre mit einem musikalischen Gruß zu empfangen. Nach seiner Rückkehr auf die Insel vor gut zwei Jahren hatte Matthias sich in einem Anfall von Heimatseligkeit dazu überreden lassen, dem Chor als Tenor beizutreten. Und mittlerweile gab es keinen Weg zurück mehr.

Er warf einen Blick auf die Uhr – vor fünf Minuten hätte er am Hafen sein sollen. Von wegen gut organisiert. »Bin gleich da, Fiete.«

»Beeil dich, die Reisegruppe legt gleich an. Wann haben wir schon mal Touristen im April, und dann auch noch gleich acht Stück? Stell dir bloß mal vor, Schroffenige würde für solche Selbstfindungsgruppen das, was der Ballermann für Sauftouristen ist! Wir müssen einen guten Eindruck machen.«

»Ich bin völlig deiner Meinung. Sobald mein Gesprächspartner aufgelegt hat, kann ich mich auf den Weg machen.«

»Gesprächspartner? Mit wem redest du denn?« Fiete stockte, als ihm klar wurde, dass er gemeint war. »Jetzt bin ich also schuld, dass du zu spät kommst?«

»Wenn du das sagst …«

»Anwälte! Euch will man nicht zum Feind haben. Und jetzt flinke Füße, bitte.«

Grinsend schob Matthias das Smartphone in die Innentasche seines Sakkos und verstaute das Siegel in der Aktentasche. Dann schlüpfte er in die Jacke, rief Ahab einen kurzen Abschiedsgruß zu und stürzte aus dem Haus. Kaum war die Tür hinter ihm zugefallen, bemerkte er, dass er seinen Trolley hatte stehen lassen. Fahrig fingerte er seine Schlüssel hervor und stieß die Tür gerade weit genug auf, um den Koffer packen und herausziehen zu können. Nicht, dass Ahab noch auf den Gedanken kam, er kehrte schon wieder zurück, und dann enttäuscht wäre.

Erneut warf er einen Blick auf die Uhr. Sieben Minuten zu spät! Wahrscheinlich vertäute Bengt gerade die Fähre am Hafenpoller, und alle warteten nur auf ihn.

Mit ausgreifenden Schritten lief er los, den über das unregelmäßige Kopfsteinpflaster ruckelnden Trolley im Schlepptau. Der eigentlich nicht sehr lange Weg schien sich diesmal ewig zu ziehen, doch endlich öffnete sich der Blick auf den Hafen von Hochdeich. Die Nachmittagsbewölkung hatte den Morgennebel abgelöst, Wasser und Himmel verschwammen wie Aquarellfarben: eisiges Grau, lichtes Blau und das fahle Gelb der Sonnenstrahlen. Möwen kreuzten am Himmel und stießen heisere Schreie aus.

Unwillkürlich atmete Matthias tief ein. Es war wieder so ein Tag, wie es ihn nur auf Schroffenige gab. Einfach herrlich.

Fast beneidete er die neuen Gäste, denn sie würden den Zauber dieser Insel gleich zum allerersten Mal erleben.

3

Ankunft in Schroffenige

Scarlett

In der vergangenen halben Stunde war der schwarze Punkt zwischen den Nebenschleiern zu einer unförmigen Landmasse geworden, aus der sich schließlich Konturen bildeten. Eine Steilküste, ein Kliff, mehrere raue Felsen, die vorgelagert aus dem Meer ragten, von Wellen umspült, und schließlich tauchten Boote auf, die im Hafenbecken sanft schaukelten. Dann erkannte Scarlett schmale Fachwerkhäuser, die sich hinter dem Hafenkai aneinanderschmiegten, um Wind und Wetter besser zu trotzen. Die Bäume am Uferstreifen leuchteten in zartem Hellgrün. Dazwischen lagen wie hingetupft kleine Häuser mit Reetdach.

Scarlett hielt den Atem an. Sie war in ihrem Leben schon auf einigen Fähren gewesen und hatte beobachtet, wie aus dem Meer Land erwuchs, und jedes Mal war es ein besonderer Moment gewesen, doch heute war etwas anders. Ihr Herz machte einen kleinen Hüpfer. Schroffenige, dachte sie. Schroffenige war etwas ganz Einmaliges.

»Schau doch«, sagte sie bewegt zu Karin.

Nur kurz sah ihre Freundin auf. »Hübsch, wirklich hübsch.«

»Hübsch? Das ist ganz zauberhaft.«

Die Fähre schob sich langsam ins Hafenbecken, um dann sanft zu drehen. Scarlett konnte sich auch dann nicht von dem Anblick losreißen, als unten schon mit metallischem Klicken die Griffe der Rollkoffer ausgefahren wurden. Einen Moment noch, dachte sie und sah aus dem Augenwinkel, wie Siddhartha, seinen Seesack auf der Schulter, über die Gangway tänzelte.

»Komm.« Karin zog an ihrem Ärmel. Sie hatte in der Zwischenzeit sämtliche Unterlagen ihrer Umhängetasche verstaut und war ebenfalls aufgestanden.

»Gleich, gleich«, gab Scarlett abwesend zurück. »Gleich«, fügte sie leise hinzu, als Karin schon auf dem Weg zur Treppe war.

Das sanfte Tuckern des Motors verstummte, und der Wind trug Gesang zu ihr aufs Schiff. Irgendwas mit »Möwe« und »Sanddorn«. Entzückt sah sie auf die kleine Ansammlung von Menschen, die, dirigiert von einem kleinen untersetzten Mann, dessen wenige blonde Haare in der Schroffeniger Brise fast senkrecht vom Kopf abstanden, am Hafen sangen.

»Schroffenige« und irgendwas mit »Wiege« jubilierte jetzt eine helle Frauenstimme über dunkle und etwas raue Männerstimmen.

War das tatsächlich kein Zufall, sondern ihre Begrüßung? Machten die das immer? Oder hatten sie nur ihre Probe heute mal an den Hafen verlegt? Egal, welch glücklichem Umstand oder lang geplanter Absicht sie den Chor zu verdanken hatten, Scarlett bekam unter dem vollsynthetischen Stoff ihrer Outdoorjacke eine Gänsehaut an den Armen. So war sie noch nirgends willkommen geheißen worden.

»Scarlett, jetzt mach schon«, rief Karin. »Die Fähre hält hier nicht ewig.« Ihre Stimme klang weit weg.

Was daran lag, dass sie von unten die Treppe hinaufrief.

»Ich komme«, rief Scarlett zurück. Noch einmal atmete sie tief die salzige Luft ein, in der ein Hauch Tang und Brackwasser lag, bevor sie sich vom Ausblick auf die Insel losriss.

Hier kann man sich bestimmt gut zu Hause fühlen, dachte sie und bückte sich, um rasch noch ihre neuen Wanderschuhe – regenfest bis tausend Milliliter Wassersäule – zuzuschnüren.

4

Chorgesang mit Anna-Lena

Matthias

Die Fähre »Stern der Ostsee«, die in der Hauptsaison zweimal täglich zwischen dem Festland und Hochdeich verkehrte, drehte bereits längs der Kaimauer ein, als Matthias seine musikalischen Mitstreiter erreichte.

»Da bist du ja endlich!« Unter zusammengezogenen Augenbrauen sah Fiete ihm entgegen, was aufgrund seines runden Gesichts und der vom Wind verwehten dünnen Haarpracht allerdings nicht sehr bedrohlich wirkte. »Zeit zum Einsingen haben wir jetzt nicht mehr, muss halt so gehen.«

Matthias zog entschuldigend die Schultern hoch. »Geht doch immer so.«

Diethild lächelte ihm zu, während er seinen Platz neben ihr und ihrem Mann Hein einnahm. Die beiden sangen den Bariton. Wenn auch Diethilds sonores Organ aller Wahrscheinlichkeit nach auf ihr exzessives Rauchen in Teenagerzeiten zurückzuführen war, fand Matthias den Gedanken doch romantisch, dass die beiden sich in ihrer langen Ehe immer ähnlicher wurden. War es nicht so, dass Partner sich einander im Laufe der Zeit anglichen?

Für ihn als mittlerweile fast vierzigjährigen Single bestand da wohl keine Gefahr. Obwohl – es gab ja jetzt Ahab in seinem Leben. Vielleicht würden sich in ein paar Jahren weiße Stellen in seine dunklen Haare mischen, so wie schon jetzt in Ahabs Fell. Um seine äußere Erscheinung der seines Katers weiter anzupassen, könnte er sich dann auch einen Schnurrbart wachsen lassen. Die Fingernägel nicht mehr schneiden und …

Glücklicherweise unterbrach Diethild diesen Gedankengang, der ihm selbst doch sehr merkwürdig vorkam. »Du bist heute allein im Tenor«, flüsterte sie ihm laut zu. »Hagen musste zu einem Einsatz.«

»Was ist passiert?« Normalerweise verpasste der Inselpolizist keinen Auftritt.

»Ich weiß nicht. Frag Anna-Lena, wenn sie kommt.«

Wie auf Stichwort bog Hagens Frau in rasanter Fahrt um die Ecke. Ihre zum Pferdeschwanz gebundenen Haare glänzten wie Gold, und als sie lachend und prustend neben Fiete zum Stehen kam, die Wangen gerötet, die Augen leuchtend, da geschah das, was immer passierte, wenn Matthias sie sah. Sein Herz schlug zwei, drei Takte schneller, und in seinem Magen machte sich ein Gefühl breit, als wäre er bei starkem Wellengang auf der Ostsee unterwegs – nur ohne die Übelkeit. Wie von fremder Hand gesteuert, breitete sich ein ununterdrückbares Lächeln auf seinem Gesicht aus und er dachte, wie schön es doch wäre, wenn sie hinterher gemeinsam nach Hause gehen würden, er ihr einen Tee machen und eine Decke bringen könnte, weil sie bestimmt frieren würde. Ihre Nasenspitze würde er küssen, da auch die eiskalt wäre. Und Anna-Lena würde ihn auf eine Weise ansehen, wie sie es vor vielen Jahren eine kurze Zeit lang getan hatte.

Nein, das würde nicht geschehen, nicht heute und auch nicht in Zukunft. Nie wieder.

»Wie schön, dass du es geschafft hast«, flötete Fiete. »Die Nebelhörner sind doch nichts ohne ihren Sopran.«

»Ich weiß.« Anna-Lena stieg ab und ließ das Fahrrad sorglos zu Boden fallen. »Keine Sorge, ich bin ja jetzt da.« Sie stellte sich neben Hein und winkte mit strahlendem Lächeln in die Runde.

In der Zwischenzeit hatte Bengt die Fähre vertäut und die Gangway angelegt, damit die Reisenden, die sich schon an der Reling drängelten, das Schiff verlassen konnten. Fiete hob beide Hände, die Augen geschlossen, einen Hauch Karajan verbreitend, bevor er den Einsatz gab und Anna-Lenas klarer Sopran die ersten Zeilen des Schroffenige-Lieds erklingen ließ.

Wo der Sanddorn gelblich leuchtet

und die Möwe heiser schreit,

wo der Nebel uns durchfeuchtet

und das Meer wogt weit und breit.

Während er auf seinen Einsatz zu Beginn der nächsten Strophe wartete, beobachtete Matthias die Ankömmlinge. Helmar Bregel, der Insel-Picasso, war darunter, die Staffelei unterm Arm und das weiße Piratenhemd mit Farbflecken übersät, die derart aufeinander abgestimmt und dekorativ waren, dass sie unmöglich das Ergebnis zufällig abgewischter Pinsel sein konnten. Helmar war es zuzutrauen, dass er seine Kleidung mit großer Sorgfalt à la unbekümmerter Bohemien stylte. Hinter ihm blieb ein schlanker Mann mitten auf der Gangway stehen, um mit verklärtem Gesichtsausdruck auf die See zu blicken. Trotz der Frühlingsfrische ging er barfuß und trug sein Hemd offen. Eine Holzperlenkette mit Federnanhänger, halb verborgen zwischen grauen Brusthaaren, schmückte seinen sehnigen, braun gebrannten Oberkörper. Eine hagere Frau im schicken Kostüm eilte an ihm vorbei. Matthias runzelte die Stirn. Die Frau hatte dem Frischluftliebhaber fast ihren Rollkoffer in die Hacken gerammt. Ihr folgten zwei ins Gespräch vertiefte ältere Frauen, die wie Schwestern im Geiste aussahen mit ihren hennagefärbten Haaren und den weiten Kleidern. Ein dicklicher Mann, der keinen Trachtenhut mit Gamsbart brauchte, um als Bayer erkenntlich zu sein, schlenderte gemütlich hinter ihnen her. Es sah so aus, als versuchte er, sich in das Gespräch einzumischen, ohne jedoch groß beachtet zu werden. Interessante Leute, die da auf die Insel kamen. Vielleicht benötigte der eine oder die andere anwaltlichen Rat. Er sollte nach seiner Rückkehr die Abende in der »Kapitänsstube« verbringen – Kontakte knüpfen, Aufträge an Land ziehen …

Oh, Fiete warf ihm einen bösen Blick zu. Einsatz verpasst. Reiß dich zusammen, Matthias!

Wo die Hagebutte rötlich knollt

und die Flunder seitlich schwimmt,

wo der Wind den Tang verrollt

und der Sturm den Atem nimmt.

Zwei weitere Frauen verließen die Fähre, jede mit einem Koffer im Schlepptau. Wahrscheinlich gehörten auch sie zu dieser Reisegruppe. Selbsthilfe und Lebenscoaching auf Schroffenige – echt jetzt? Nein, halt, er würde keinem abschätzigen Gedanken Raum geben. Menschen waren nun einmal auf der Suche nach etwas, das ihnen Halt gab und ihrem Leben Sinn verlieh. Nicht jeder konnte eine Katze besitzen.

Die dritte Strophe war wieder ein Solo für Anna-Lena. Matthias schloss die Augen und lauschte. Sie sang einfach wunderbar, klar wie der Himmel über dem Meer an einem Wintermorgen und hell wie das Licht des Mondes auf Wellenspitzen. Ab und zu ein wenig kurzatmig, doch sogar das erhöhte den Charme ihrer Stimme.

Das ist meine Heimat, da gehör’ ich hin.

Das ist meine Scholle, auf der ich gerne bin.

Das ist mein Zuhause, woran ich immer denk’.

Das ist meine Insel, mein allergrößtes Geschenk.

Die Frauen und die beiden Männer blieben neben dem Chor stehen. In den Blicken, die sie einander zuwarfen und der Art, wie einige ein paar Schritte liefen, nur um dann wieder anzuhalten, erkannte Matthias Unschlüssigkeit darüber, ob das hier für sie gedacht war. Fiete zerstreute die Unsicherheit, als er sich ihnen mit einem breiten Lächeln zuwandte und grüßend nickte. Die hagere Frau seufzte und warf ostentativ einen Blick auf ihre Uhr.

Na, warte nur, dachte Matthias, gleich bist du nicht mehr so abschätzig. Die letzte Strophe packte einfach jeden! Gänsehaut auf den Armen, vereinte er seine Stimme mit denen der anderen zum aufwühlenden Crescendo, bei dem die letzte Zeile, dreimal repetiert, beinahe unhörbar im Piano ausklang. Wie eine Frage, die man schon ein paarmal gestellt hat, deren Beantwortung man trotzdem nicht begreift und bei der es einem peinlich ist, sie noch einmal laut zu wiederholen.

Schroffenige, Schroffenige,

deine Gischt war meine Wiege.

Deine nebligen Arme halten mich fest,

weil du mich nie mehr gehen lässt.

In einer weit ausgreifenden Geste ließ Fiete die Hände sinken und wischte sich mit dem Ärmel über die Augen. Auch Matthias musste schlucken. Himmel, er liebte dieses Lied!

Nachdem er sich heftig geräuspert hatte, trat Fiete den Touristinnen entgegen. »Willkommen auf Schroffenige. Wir freuen uns sehr, Ihren Verband … Ihren Kurs … Ihre Gruppe hier begrüßen zu können, und werden alles in unserer Macht Stehende tun, damit Ihr Aufenthalt ein unvergesslicher wird und Sie all Ihren Freunden und Freundinnen und Kollegen und auch Kolleginnen, Nachbarn selbstverständlich ebenfalls, davon berichten können, welch wundervolle Zeit Sie hier auf Schroffenige verbracht haben.«

Eine junge Frau mit einem Gesicht wie ein betrübtes Emoji hob die Hände, als wolle sie applaudieren, nahm davon jedoch nach einem kurzen Blick in die Runde wieder Abstand. Währenddessen packte die Hagere den Griff ihres Koffers und ignorierte Fietes zur Begrüßung ausgestreckten Arm.

»Schön, war’s das dann? Wir würden gern in unser Hotel.«

»Selbstverständlich.« Matthias fing Fietes irritierten Blick auf. Nein, die Dame hielt ganz offensichtlich weder etwas von Small Talk noch von mit Herzblut dargebotenem Liedgut.

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