2. Weißer Dampf und schwarzer Qualm
Juni 1938 in Kötzschenbroda
(Deutschland)
Aus der Ferne ertönte der melancholische Klang einer Dampfpfeife. Erwin sprang auf und hätte beinahe den Schemel umgeworfen. Erwartungsvoll blickte der Junge seine Großmutter an.
»Wir sind noch nicht fertig«, erinnerte sie ihn. Enttäuscht sank er zurück auf seinen Platz.
Die Fenster in den dicken Lehmwänden waren schmal wie Schießscharten und ließen nur wenig Licht in die Küche. Die Luft darin fühlte sich feuchtwarm an, und es roch nach Kernseife. Mit dem Handrücken wischte sich die alte Frau ein paar graue Strähnen aus der Stirn. Sie nahm die Teekanne vom Küchenbuffet und trank aus der Tülle. Auf diese Weise sparte sie sich etwas Abwasch.
Als Erwin aus der Schule gekommen war, hatte sie wie immer Wäsche geglättet. Es lief jeden Tag gleichermaßen ab. Zuerst musste sich der Junge die Hände schrubben, damit er das frische weiße Leinen nicht verdarb. Danach sagte sie: »Jetzt darfst du mir helfen.« Sie ließ es immer so klingen, als hätte er eine Wahl. Aber diese Arbeit war wichtiger als Hausaufgaben oder Spiel. Der Großvater, der für den Kohlen-Huhle in der Meißner Straße säckeweise Kohlen schleppte, brachte nur einen schmalen Lohn nach Hause. Die Großmutter verdiente ein Zubrot, indem sie für die Stadtapotheke in der Bahnhofstraße die Kittel wusch und bügelte.
Unruhig kippelte Erwin auf seinem Schemel. Er musste hinunter zum Fluss, doch sie streckte ihm den Holzgriff des Bügeleisens entgegen. »Erst mal hol mir die Plätte.«
Mit gesenktem Kopf trottete der Junge zum Küchenofen. Zwischen den Ritzen der runden Eisenplatten leuchtete Kohlenglut hindurch. Als er den Griff in das Unterteil des Satzeisens einklinkte, spürte er die aufsteigende Hitze. Nach jedem zweiten Apothekerkittel war das Eisen so weit erkaltet, dass es neu aufgeheizt werden musste.
Mit grimmigem Nachdruck glättete Erwins Großmutter auf dem Bügelbrett die Ärmel. Den Kragen spreizte sie mit ihren knorrigen Fingern, die mittlerweile so abgehärtet waren, dass sie nicht einmal zuckten, wenn das heiße Eisen sie berührte.
Immer wieder blickte Erwin unruhig zur Uhr. Der Korb unter dem Tisch leerte sich nur schleppend, es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis sie endlich den letzten Kittel erreichten. Äußerst sorgfältig und öfter als nötig fuhr Erwins Großmutter mit dem Eisen über den Rücken. Vor und zurück, unter der Lasche hindurch und noch einmal kreuzweise. Der Junge beobachtete sie dabei, und mit einem Mal schien es ihm, als ob sie die Prozedur absichtlich in die Länge zog.
»Wie spät ist es denn?«, fragte er bang.
Sie fixierte ihn aufmerksam durch ihre Brillengläser. »Weißt du die Uhr noch immer nicht?«
Beschämt schüttelte er den Kopf. Dabei hatte er schon zwei Zahnlücken und besuchte seit Ostern die Volksschule in der Harmoniestraße. Und obwohl die von allen nur die Uhrschule genannt wurde, weil ein riesiger Zeitmesser den Ostturm schmückte, war Erwin noch immer nicht hinter das Geheimnis der kreisenden Zeiger gekommen. Aber eines wusste er genau: Wenn der Personendampfer Diesbar am Nachmittag elbaufwärts vorbeischnaufte, war es fünfzehn Uhr fünfundfünfzig. Und zu dieser Zeit musste er unbedingt unten an der Anlegestelle sein.
Die Großmutter warf einen Blick auf die Küchenuhr. Es war sieben Minuten vor vier. »Das ist noch lange hin«, behauptete sie.
»Darf ich trotzdem los?«, flehte Erwin mit heiserer Kinderstimme. Seine Nase begann zu laufen, weil er die Tränen zurückhielt.
Die alte Frau seufzte. »Jeden Tag dasselbe Theater. Wenn ich nur wüsste, was du davon hast.« Sie holte ein ausgiebig benutztes Schnupftuch aus der Tasche ihrer Kleiderschürze, fuhr ihm damit übers Gesicht und brummte: »Na geh schon, du Schlawiner.«
Erwin rannte hinaus, bevor sie es sich anders überlegen konnte. Er schwang sich auf einen hölzernen Holländer, der im Gärtchen vor dem Haus auf ihn wartete, und gab dem Gefährt einen Schubs. Mit der ganzen Kraft seiner mageren Arme drückte er die Deichsel nach vorn und zerrte sie zurück, immer wieder, wie ein Ruderer. Die Kurbelschwinge setzte die Hinterräder in Bewegung, der Wagen nahm Fahrt auf. Der Junge raste die Uferstraße entlang, vorbei an Feldsteinmauern und krummen Holzzäunen. Steinchen spritzen gegen seine Waden, Staub wirbelte hinter ihm auf, der Fahrtwind zerrte an seinen weißblonden Haaren.
Ganz nah ertönte nun der Zweiklang der Dampfpfeife. Noch schneller ruderte der Junge und erreichte den abschüssigen Weg zur Anlegestelle. Unten im Wasser lag ein leuchtend weißer Seitenraddampfer der Sächsisch-Böhmischen Dampfschiffahrt.
Doch Erwin kam zu spät. Die Ankömmlinge waren schon ausgestiegen und zerstreuten sich. Die Ausflügler drängten zu den Wanderwegen, und die Ansässigen, die den Dampfer als Fähre von Niederwartha herüber genutzt hatten, strömten in die Elbstraße. Längst waren die neuen Passagiere eingestiegen. Die Bootsleute hatten die Leinen gelöst, und die Holzstaken, die das Schiff in Position gehalten hatten, waren eingeholt worden. Aus dem sanft geneigten, schlanken Schornstein quoll braunschwarzer Rauch zum Himmel. Die Messingpfeife stieß eine weiße Wolke aus und ließ wieder ihr Pfeifen ertönen. Die Schaufelräder begannen sich zu drehen, unter dem Radkasten schäumte das Wasser auf.
Erwin wedelte mit seinem Taschentuch und sprang in die Höhe, um auf sich aufmerksam zu machen. Ein paar Sommerfrischler winkten fröhlich zurück, aber er meinte nicht sie.
Der Dampfer war voll besetzt, und es herrschte ohrenbetäubender Lärm. Dieses günstige Nahverkehrsmittel nutzten unter der Woche vorwiegend Einheimische, die sich gern und laut über alles aufregten. An Deck drängten sich Hausierer mit ihren Bauchläden. Ein Imker, der seine Bienenstöcke auf der anderen Seite der Elbe stehen hatte, hockte auf einem Honigfass. Ein Schreiner war mit einer klobigen Kommode unterwegs zu seinem Kunden in Cossebaude. Überall türmten sich die Kisten und Koffer der Händler. Die Leiter eines Arbeiters versperrte allen den Weg und wurde vom Schiffsjungen auf das Beiboot ausquartiert. Erwin suchte die bunte Menschenmenge mit den Augen ab. Und dann – der Dampfer nahm schon Fahrt auf – entdeckte er sie! Dora stand am Heck, ihre mit Klemmen zurückgesteckten Haarwellen flogen im Wind, und sie winkte ihm mit einem Geschirrtuch zu.
»Mutti«, schrie Erwin glücklich. Winkend rannte er über die Elbwiesen, dem Dampfer hinterher. Für einen Moment waren sie gleichauf. Seine Mutter Dora warf ihm Luftküsse zu und rief seinen Namen. Er stürmte hoch auf die Mühlhabe, eine Steinmole, hinter der die Anlegebrücke im Winter Quartier bezog. Von hier oben hatte er den besten Blick auf den davonfahrenden Dampfer. Bald ging das rhythmische Geräusch der Schaufelräder im Rauschen des Flusses unter, und das Geschirrtuch, das seine Mutter weiter in großem Bogen schwenkte, war nur noch ein tanzender Punkt. Das Letzte, was Erwin von dem Dampfer sah, bevor dieser hinter den Bäumen der Biegung verschwand, war die flatternde Fahne mit dem Hakenkreuz am Heck.
Noch zweimal winken, dachte Erwin. Dann durften sie endlich für einen ganzen Tag zusammen sein.
Der Junge schlenderte zurück zu seinem Holzgefährt, setzte sich ans Ufer und streckte die Beine aus. Die Elbe täuschte trügerische Schläfrigkeit vor, doch er spürte, wie sie an seinen Füßen zog und zerrte.
Ein großer Frachtdampfer schnaufte auf seiner Route von Böhmen nach Hamburg hinter der Biegung hervor. Aus dem Schornstein quollen mächtige schwarze Wolken. Erwin versuchte, den Namen auf dem Radkasten zu entziffern. Seine Lesekünste waren noch dürftig, die tschechischen Buchstaben ergaben für ihn keinen Sinn, und viel zu schnell war das Schiff an ihm vorbei. Der Junge tröstete sich damit, dass es bald wieder zurückkehren würde, und dann konnte er noch einmal genauer hinsehen.
Erwin war überzeugt davon, dass die Elbe hinter Meißen aufhörte. Schon zweimal hatte er seine Mutter auf einer Fahrt begleitet. Und beide Male hatte der Dampfer in Meißen gedreht und war wieder zurückgefahren. Daraus schloss Erwin, dass es dort nicht mehr weiter ging.
Kurz vor der Eisenbahnbrücke in Niederwartha hörte der Schornstein des Frachters auf zu qualmen und wurde abgesenkt. Dann verschwand der Dampfer hinter der Biegung. Geduldig wartete Erwin, dass er wieder erscheinen würde. Stattdessen näherte sich der riesige Seitenraddampfer Württemberg. Hinter sich her zog er einen Schleppverband aus sieben Kähnen. Sie besaßen keinen Antrieb und hatten sich mit schwerer Fracht auf dem Elbstrom talwärts bis Hamburg treiben lassen. Nun musste der Schleppdampfer, der tonnenweise Steinkohle zum Verheizen gebunkert hatte, die leeren Kähne stromaufwärts zurück in ihren Heimatort im Böhmischen ziehen. Beinahe wäre er mit einem entgegenkommenden Floß aus dem Riesengebirge kollidiert. Obwohl sich das endlos scheinende Gefährt aus Fichtenstämmen gelenkig wie eine Schlange in die Kurve legen konnte, ließ es sich schwer steuern. Der Flößer hatte Mühe, es mit dem Steuerpaddel in der Strömung zu halten. Er krachte gegen einen Brückenpfeiler und trudelte dem Schlepper vor den Bug. Der Schiffer griff sich ein Kohlestück und warf es schimpfend nach dem Flößer. Der brüllte etwas Unverständliches zurück und schmiss im Gegenzug mit Tomaten, die ihr Ziel verfehlten und an den Radkasten klatschten. Erwin sprang vor Begeisterung auf und feuerte die beiden Kampfhähne an.
Plötzlich raste mit ohrenbetäubendem Lärm ein offenes Sturmboot vorbei, gesteuert von einem Ausbilder der Marine-HJ. Das Sperrholzboot war so leicht und schnell, dass es über die Elbe zu fliegen schien. Nur der Propeller des Maybach-Motors hing noch im Wasser. Flügelschlagend rettete sich eine Entenfamilie vor der Bugwelle.
Erst als sich der Oberdeckdampfer Mühlberg mit langgezogenem Pfeifen ankündigte, schrak Erwin auf. Er hatte gar nicht bemerkt, dass sich eine Traube von Passagieren vor der Anlegestelle versammelt hatte. Schnell schwang er sich auf sein Gefährt. Er musste mit dem Handwagen die weißen Apothekerkittel ausliefern, bevor der Großvater den Kohlestaub von der Arbeit ins Haus brachte.
Am Sonntag stand Erwin mit dem ersten Hahnenschrei vom Bauernhof nebenan auf. Über der Waschschüssel machte er eine Katzenwäsche und zog die kurze Hose und ein frisch gebügeltes Hemd an, das ihm die Großmutter bereitgelegt hatte. Mit ihrem Schnupftuch, das sie für alle Gelegenheiten benutzte, fuhr sie über seine Schuhe. Sie kontrollierte den Inhalt seiner Hosentaschen und klebte zum Schluss seinen widerspenstigen Pony mit Spucke auf die Stirn.
»Nicht, dass deine Mutter denkt, wir kümmern uns nicht«, erklärte sie den Aufwand, den sie an einem gewöhnlichen Tag nicht betreiben würde.
Dass Erwin an einem Sonntagmorgen das Haus verlassen durfte, lag daran, dass sein Großvater keinen besonderen Wert auf den Kirchgang legte. Er ging lieber zum Kegelverein in den Bürgergarten. Dort rauchten die Männer Zigarren, tranken Bier und debattierten über die Aktion Arbeitsscheu Reich, durch die ihnen soeben ein jüdischer Kollege abhandengekommen war. Nun mussten sie zu ihrem Ärger dessen Arbeit mit erledigen.
Erwins Großmutter hatte von der Nachbarin eine Freikarte für die neuartigen Karl-May-Spiele auf der Felsenbühne in Rathen bekommen. Überall in der Gegend wurde mit bunten Plakaten dafür geworben.
»Eigentlich bin ich nicht für solchen Firlefanz«, behauptete sie, um schnell einzuschränken: »Aber ein Geschenk kann man ja nicht ablehnen.«
Da also beide Großeltern beschäftigt sein würden, durfte Erwin den Tag mit seiner Mutter Dora verbringen. Seit sein Vater, ein Schiffer, in reißender Strömung ertrunken war, musste Dora bei Verwandten arbeiten, um sich und ihr Kind zu ernähren. Sie waren Gastwirte und hatten sich in dieser Saison die Schanklizenz für den Passagierdampfer Diesbar erkämpft. Vom Beginn der Hauptsaison bis zu diesem Tag hatte Dora ohne Pause gearbeitet. Schließlich fuhr der Dampfer täglich und war besonders sonntags und an Feiertagen einträglich. Was die Wirtsfamilie im Sommer verdiente, musste über den Winter reichen. Erwin blieb in der Zwischenzeit bei Doras Schwiegereltern. Sie waren strenge Leute, und der Tod des einzigen Sohnes hatte sie nicht gerade weicher werden lassen. Und weil sie irgendjemandem die Schuld daran geben mussten, hatten sie sich entschieden, es Dora anzuhängen. Ganz sicher waren seine Gedanken im Moment des verhängnisvollen Fehlers nicht bei der Sache gewesen, sondern bei seiner aufgetakelten Frau aus der Großstadt. Ebenso beharrlich wie erfolglos versuchten sie, Erwin gegen seine Mutter aufzubringen. Aber bei aller Strenge hatten sie den Jungen gern und ließen ihn in ihrem Ehebett auf der Ritze schlafen.
Erwin hatte den Großeltern verschwiegen, dass der Dampfer Diesbar an jenem Morgen die obere Fahrstrecke nehmen würde und somit gar nicht bei ihnen vorbeikam. Es war ein Geheimnis zwischen ihm und seiner Mutter. Vor einer Woche, während des Passagierwechsels an der Station in Kötzschenbroda, hatte sie ihm nicht nur wie jeden Tag zugewinkt, sondern war kurz ausgestiegen. Hastig hatte sie erklärt, was er tun sollte, und ihm fünfunddreißig Reichspfennige sowie einen Zettel in die Hand gedrückt. Darauf hatte sie gemalt, wie die Zeiger der Uhr stehen würden, wenn er losgehen musste.
Bevor Erwin an diesem Sonntagmorgen das Haus verließ, gab ihm die Großmutter links und rechts einen schmatzenden Kuss. Das tat sie sonst nie. Und der Großvater brummte: »Sei nur wieder da heute Abend.«
Der Junge wusste, dass ihnen dieser Ausflug nicht behagte. Trotzdem wollte er so gern seine Mutter sehen. Rote Flecken breiteten sich auf seinem Gesicht aus. Die Tintenuhr auf dem Zettel in seiner schwitzigen Hand begann zu verlaufen. Verzweifelt suchte er nach einem Ausweg, damit ihn die Großeltern endlich gehen ließen.
»Ich bring auch was mit«, sagte er schließlich. Etwas Besseres fiel ihm nicht ein. Damit tröstete ihn manchmal seine Mutter, wenn er sie nicht weglassen wollte. Und es funktionierte auch in diesem Fall. Erwin durfte sich auf seinen Holländer schwingen und endlich aufbrechen.
Diesmal erreichte Erwin das Ende der Uferstraße rechtzeitig. Gegenüber der Anlegestelle, oben auf dem Elbdamm, befand sich die Restauration Dampfschiff. Ihr eckiger Turm ragte hoch auf, und die Spitze der Schieferhaube stach in den Morgenhimmel. Aus einem Bogenfenster neben der Eingangstür heraus verkaufte die Tochter der Wirtin Billetts. Erwin tauschte seine Reichspfennige gegen einen Kinderfahrschein und drehte sich um. Er konnte über die Elbe zur anderen Seite sehen, von den hellen Zinnen des Weißen Schlosses in Cossebaude bis zu den gekreuzten Stahlgittern der Brücke in Niederwartha.
Hüpfend nahm er den Weg hinunter zur hölzernen Anlegestelle aus alten Schiffsrümpfen. Die schweren Ketten der Landungsbrücke wurden von Eisenringen gehalten, befestigt an in die Böschung eingelassenen Sandsteinen.
Inzwischen hatte sich eine Mengenmenge versammelt. Der Junge vergaß die Großeltern und freute sich auf das kommende Abenteuer. Neben ihm spie ein Mann eine braune Kautabakpfütze auf den Boden. Erwin tat es ihm gleich und spuckte ebenfalls aus. Mit einem Mal kam er sich sehr erwachsen vor und pfiff vergnügt durch seine Zahnlücken. Wie ein Echo ertönte aus der Ferne der Klang der Dampfpfeife.
Gemächlich schob sich der Schaufelraddampfer heran und legte sich mit dem Heck vor den Anleger. Am Bug stand ein Bootsmann und stach die Eisenspitze des langen Bundstakens in den Flussgrund. Das Schiff lief dagegen, und der Schiffsjunge warf die Leinen. Nun ging alles ganz schnell und mit großer Disziplin. Eine Planke flog über den Spalt zwischen Dampfer und Holzponton. Sofort eilten gut gelaunte Sommerfrischler darüber. Sie wollten sich im Licht-Luft-Bad Bilz vergnügen, in dem man es mit der Moral nicht allzu streng nahm. Kaum waren alle Ankömmlinge ausgestiegen, drängten die neuen Passagiere hinein.
Am Einlass stand der Kondukteur mit wichtiger Miene und schneidiger Uniform. Die goldenen Knopfreihen glänzten in der Morgensonne, die dunkelblaue Schirmmütze saß akkurat ausgerichtet auf seinem Schopf. An ihm kam nur vorbei, wer eine Fahrkarte vorzeigen konnte. Erwin ging mit gesenktem Kopf als Letzter an Bord. Noch nie war er allein mit dem Dampfer gefahren. Aber der Beamte warf nur einen prüfenden Blick auf sein Billett und mahnte zur Eile. Schon läutete die Glocke zum Ablegen. Der Kondukteur sah auf die Taschenuhr und zählte dem Kapitän mit den Fingern die Sekunden vor, damit exakt um sieben Uhr zwanzig abgelegt wurde. Man war schließlich bei der Sächsisch-Böhmischen Dampfschiffahrt, und dort herrschten Disziplin und Pünktlichkeit.
Eine knappe Stunde später stieg Erwin an der Endstation Dresden Altstadt aus, dem Sammelplatz der Weißen Flotte. Die hohen Mauern des Festungswalls und die monumentalen Gebäude darüber, mit all ihren Schnörkeln und furchteinflößenden Figuren, schüchterten ihn ein. Schnell drehte er sich zum Fluss um. An den Landungsstellen vor der Brühl’schen Terrasse lagen unzählige weiße Schaufelraddampfer, schmuck herausgeputzt mit bunten Wimpelketten und Fähnchen. Am Bug eines Oberdeckdampfers stand eine Musikkapelle und spielte den Prinz-Friedrich-August-von-Sachsen-Marsch.
Menschenmassen drängten sich vor der Anzeigetafel mit den Abfahrtszeiten, Zielen und Anlegern. Ein Dampfer fuhr los, der nächste legte an, und sofort schob sich ein weiterer in die zweite Reihe und wartete darauf, nachrücken zu können. Erwin fühlte sich verloren. Wie sollte er in diesem Durcheinander seine Mutter finden? Wie konnte er den Dampfer Diesbar erkennen, wenn der vielleicht ganz hinten an der Albertbrücke lag oder womöglich verdeckt war, sodass er den Namen am Radkasten nicht sehen konnte? Vor ihm erhob sich ein Meer von Schornsteinen mit blauem Anker auf grünweißer Schornsteinmarke. Bei ihrem Anblick fiel ihm die Rettung ein.
Erwin konnte alle dreiunddreißig Dampfer der Sächsisch-Böhmischen Dampfschiffahrt allein an der Form ihres Schornsteins unterscheiden. Und dann entdeckte er, nicht weit entfernt, einen besonders schmalen, hohen. So einen hatte nur der Dampfer Diesbar!
Einen Moment später flogen sich Erwin und seine Mutter Dora in die Arme. Er sprang an ihr hoch und klammerte sich fest, und als er spürte, dass er ihr zu schwer wurde, zog er seine Beine an, damit sie ihn nicht absetzen konnte. Also schleppte sie ihren Jungen aufs Schiff, und diesmal brauchte er natürlich kein Billett.
Der Ausflugsdampfer für die Fahrt stromaufwärts nach Bad Schandau in der Sächsischen Schweiz war voll besetzt. Der Heizer würde mehr Kohle aufwerfen müssen als wochentags, wenn das Schiff leichter war. Dora drängte sich mit ihrer Last durch die Menschenmenge, vorbei an Frauen in bunten Sommerkleidern, Herren mit Westen und ein paar vereinzelten Braunhemden.
An der Reling ließ Dora ihren Sohn herunter, klappte eine der Bänke nach unten, setzte sich und strich ihre weiße Trägerschürze glatt, bevor sie Erwin auf ihren Schoß hob. Sie nahm sein Gesicht in die Hände und konnte sich nicht sattsehen. Seine hellen Augen hatten winzige dunkle Sprenkel, über die Wange lief eine fast verheilte Schramme, und sie wusste nicht, was ihm da für ein Malheur passiert war. Mit den Fingern fuhr sie seine aufgeplatzten Lippen nach, es schien ihn zu kitzeln, denn er musste lachen.
»Du hast eine neue Zahnlücke.« Erstaunt zog sie die zu dünnen Linien gezupften Augenbrauen hoch.
Er prahlte: »Nu! Und lesen kann ich auch schon.«
Ihr wurde klamm ums Herz. Was würde sie noch alles versäumen? »Du bist eben pfiffig«, lobte sie ihn und zwang sich zu einem Lächeln.
Es war nur ein kleiner kostbarer Moment, den sie für sich ganz allein hatten. Dann wurde nach Dora gerufen, in einem Tonfall, der keine Verzögerung erlaubte.
»Ich bleibe bei dir«, versicherte Erwin und griff den Zipfel ihres Schürzenbandes. Ihre Hände würde sie gleich selbst brauchen.
Sie öffnete eine Tür aus genietetem Stahlblech, damit sie den Niedergang zum Salon hinabsteigen konnten. Oben ertönte das Läuten der Glocke, das die Abfahrt anzeigte.
Die Wände des Salons waren mit dunklem Holz vertäfelt, kunstvoll bemalte Kacheln aus Meißner Porzellan und Spiegel gaben dem Raum eine besondere Weite und Eleganz. Messingsäulen mit zierlichen Kapitellen stützten die Decksbalken, der hölzerne Boden war mit Ochsenblutfarbe gestrichen. In den mit weißem Leinen bezogenen Klappstühlen lehnten Fabrikanten und Funktionäre. Ihre Gattinnen hatten es sich auf den plüschgepolsterten Bänken an den Wänden bequem gemacht. An einem Tisch debattierte ein Damenclub, dessen Mitglieder sich wenig um die neue Rolle der Frau am Herd zu scheren schienen. Sie trugen Blusen mit einschüchternden Schulterpolstern und eng anliegende Oberteile mit tiefem Dekolleté, die im Nacken gebunden waren und einen Blick auf ihre milchweißen Rücken erlaubten.
Dora nahm Bestellungen und Wünsche entgegen, öffnete dem Damenclub das Schiebefenster, und für die Fabrikantengattinnen zog sie die Holzlamellen der Blenden zu, als Schutz vor der Sonne. Dann eilte sie mit Erwin am Schürzenzipfel ans andere Ende des Schiffes in den Rauchsalon, hinter dem sich die Küche befand.
Der Rauchsalon war schlichter eingerichtet, und es ging weniger vornehm zu. Dieser Raum wurde vom Biertresen in der Mitte beherrscht, zu dem eine Leitung vom Eisschrank auf dem Deck darüber hinabführte.
Erwin wurde in den Zapfhahn eingewiesen und schenkte mit großer Geschicklichkeit in gläserne Bierhumpen ein, die seine Mutter an die durstigen Raucher verteilte. Dann füllte sie ein Tablett mit Kaffeetassen und eilte die Treppe hinauf, um sie auf dem Deck anzubieten. Wie ein Hündchen trottete Erwin ihr hinterher.
Die Luft auf dem Oberdeck fühlte sich frisch an, und der Geruch nach Zigarren und Bier verflog. Gerade passierten sie in Pillnitz das Lustschloss der sächsischen Könige mit den patinagrünen Dächern, den Türmchen und der Treppe zur Elbe, die aussah, als hätte Aschenputtel hier ihren gläsernen Schuh verloren.
Inzwischen sammelte Dora die geleerten Gläser ein, und wieder blieb Erwin dicht bei ihr. Als sie die Küchentür öffnete, quoll ihnen eine riesige Dampfwolke entgegen. Dora riss den Jungen beiseite, hier konnte man sich schnell verbrühen. Der Wirt kochte mit dem Dampf vom Dampfkessel zeitsparend Unmengen von Kartoffeln.
In der Küche waren halbe Stahlblechbecken befestigt, deren Rückseite aus der Außenbordwand bestand. Darin befanden sich an dieser Stelle Löcher, und mit jeder Welle floss Elbwasser in die Becken herein und wieder hinaus. Hier spülte Erwin die Gläser ab, und Dora trocknete sie mit einem Leinentuch. Jedes Glas musste blitzsauber sein. Wenn sie einen Dreckschmierer darauf entdeckte, wanderte es zurück ins Spülbecken.
Als sie später eine neue Ladung Erfrischungen an Deck verteilten, bemerkte Erwin staunend, dass sich die Stimmung verändert hatte. Die Sonne war hinter den Wolken verschwunden, und sie fuhren durch das Elbsandsteingebirge.
Nebel stieg vom Fluss auf, der sich in den schroffen Wänden der alten Steinbrüche verfing. Die zerklüfteten Felsformationen rückten immer enger ans Ufer heran, Birken wuchsen an den steilen Hängen und verrenkten sich in seltsamen Formen, auf der Suche nach Halt. Die Ausflügler an Deck unterhielten sich nun flüsternd, und für einen Moment war nur das rhythmische Geräusch des Wassers zu hören, das die Schaufelräder erzeugten. Wie erstarrte Riesen kamen Erwin die frei stehenden Felsentürme vor, die hoch in den düsteren Himmel ragten. Der Junge sah hinauf und erschauerte vor dieser wilden Schönheit.
»Fürchtest du dich?«, fragte ihn seine Mutter.
Hastig schüttelte er den Kopf. Sie stellte sich hinter ihn und schlang die Arme um seinen mageren Körper. Vor ihnen wuchs jäh das Sandsteinriff der Bastei empor, durch das sich eine lange Felsenbrücke zog.
»Wohin kommt man, wenn man da drübergeht?«, wollte Erwin wissen.
Dora erzählte ihm von der alten Felsenburg am Ende der Brücke, die nur noch eine Ruine war und in der vor langen Zeiten Raubritter gehaust hatten. Sie flüsterte ihm die Sage von der zur Steinsäule erstarrten Jungfrau Barbarine ins Ohr, die dazu verdammt war, auf ewig in das Tal der Elbe zu blicken. Ein wohliger Schauer lief Erwin über den Rücken. Es schien ihm, als würde seine Mutter aus einem Märchenbuch vorlesen, dessen lebende Illustrationen an ihm vorbeigetragen wurden.
Der Bootsmann läutete die Glocke und kündigte die nächste Station an: »Bad Schandau!«
Während der Dampfer auf dem Fluss drehte und dabei geschickt die Strömung nutzte, brachte Dora, nur für Erwin, eine eigene Tasse Malzkaffee und ein Stück Eierschecke. Der Junge schlürfte mit seligem Lächeln und erklärte, dass er den Kuchen lieber für die Großeltern mitnehmen würde. Er machte sich Sorgen, weil er ihnen die Alleinfahrt nach Dresden verschwiegen hatte. Seine Mutter strich ihm über den Kopf. »Zu viel Ehrlichkeit bringt einen bloß in die Bredouille«, behauptete sie. Dann holte sie ein weiteres Stück Kuchen für ihre Schwiegereltern, eingewickelt in eine Seite des Fahrplans vom Vorjahr.
Während der Rückfahrt durfte Erwin, erschöpft von den vielen Eindrücken, in der Bettkammer des Maschinisten ruhen. Nun schuldete Dora dem Mann einen Gefallen, den er sicher in der folgenden Nacht einlösen würde. Im Dämmerschlaf hörte der Junge das Schnaufen der Maschine, das Aufgehen und Zuschlagen der Feuertüren und das rhythmische Geräusch des Wassers, das von den Schaufelrädern zerteilt wurde.
Die Kammer hatte eine Durchreiche zur Küche, durch die sonst der Maschinist auf bequeme Art sein Leichtbier bekommen konnte. Immer, wenn Dora an diesem kleinen Fenster vorbeiging, streckte sie ihre Hand hindurch und suchte tastend nach Erwins Kopf auf der Pritsche.
Als sie den Jungen weckte, weil er bald aussteigen musste, begann er zu weinen. Er machte sich steif, als wäre er wie die Barbarine in Sandstein verwandelt worden. Dora versprach: »Wenn du tapfer bist, habe ich ein Geschenk für dich.«
Erwin, der in seinem Leben noch nicht viel geschenkt bekommen hatte, ließ sich sofort bestechen. Er putzte seine Nase und guckte erwartungsvoll.
Aus ihrer Schürzentasche holte Dora ein Matrosenmesser. »Das hat einmal deinem Vater gehört«, erklärte sie.
Erwins Augen begannen zu glänzen. Sein Vater, mit dem er lediglich eine blasse Erinnerung verband, interessierte ihn nicht besonders. Aber das Messer! Es fühlte sich glatt an und hatte einen hölzernen Griff mit Stiften aus Eisen.
»Das Holz ist aus Afrika«, sagte seine Mutter.
Mit dem Fingernagel fuhr Erwin in die kleine Kerbe der Klinge und holte sie heraus. In den Stahl war ein liegender Löwe mit struppiger Mähne eingeprägt. Dora klappte das Messer wieder zusammen, ermahnte ihn, vorsichtig damit umzugehen, und legte es in seine Hände. Durch dieses kostbare Geschenk fiel Erwin der Abschied nicht mehr ganz so schwer.
Seine Mutter kaufte für ihn in der kleinen Blockhütte am Terrassenufer ein Kinderbillett und brachte ihn zu einem Raddampfer, der die untere Fahrstrecke talwärts nehmen würde.
»Vergiss bloß nicht, in Kötzschenbroda auszusteigen!«, schärfte sie ihm beim Abschied ein.
»Wär doch nicht schlimm.« Er winkte ab. »Dann fahre ich eben weiter bis Meißen. Von dort bringt mich der Dampfer ja wieder nach Kötzschenbroda.«
Sie schüttelte den Kopf: »Der kommt heute nicht zurück. Der fährt hinter Meißen weiter.«
Erwin riss verblüfft die Augen auf. »Es geht dahinter noch weiter?« Er konnte das kaum glauben.
»Natürlich. Der Dampfer fährt heute nach Riesa und dann weiter bis Torgau. Also verpass den Ausstieg nicht.« Scherzhaft fügte seine Mutter hinzu: »Sonst landest du noch in Hamburg.«
»Und was kommt nach Hamburg?«, fragte er abenteuerlustig. Schließlich hatte er ein Matrosenmesser in der Hosentasche.
Sie lächelte. »Von dort geht es weiter in die ganze große Welt, bis nach Afrika.«
Erwin verpasste den Halt in Kötzschenbroda nicht.
Als seine Großeltern fragten, wie ihm die Dampferfahrt gefallen habe, wusste er nicht, was er antworten sollte. Beschrieb er den Tag so, wie er gewesen war, in all seiner Herrlichkeit, würden sie traurig sein. Machte er den Ausflug schlecht, ließen sie ihn so etwas vielleicht niemals wiederholen. Also sagte er bloß mit kratziger Stimme: »Ich hab euch was mitgebracht«, und stellte den Kuchen auf den Tisch. Mehr bekamen sie nicht aus ihm heraus.
Mit dem Löwenmesser in der Hosentasche huschte Erwin aus der Küche und versteckte es bei seinen anderen Schätzen. Das waren kleine Kieselsteine, Angelhaken, Werbemarken und ein Perlmuttknopf. Der Junge besaß weder ein eigenes Fach und erst recht keinen Schrank ganz für sich allein. All seinen Besitz stopfte er in die Ritze zwischen den Matratzen seiner Großeltern, sodass er nachts darauf schlief.
Als er später im Bett lag, tasteten seine Finger in den Spalt unter ihm. Er spürte das Edelholz des Griffes, das aus dem fernen Afrika gekommen war. In diesem Moment beschloss Erwin, dass er und sein Löwenmesser eines Tages mit einem großen Schiff auf der Elbe bis Hamburg fahren würden. Und von dort weiter übers Meer in die Welt bis nach Afrika.