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Ein unvorhersehbares Ereignis

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»Es war unvorhersehbar. Die Natur hat uns übel mitgespielt. Es gab nicht die geringsten Andeutungen. Kein Mensch konnte so etwas erwarten.«

Zwei Millionen Kubikmeter Eis und Geröll lösen sich am 30. August 1965 in den Walliser Alpen vom Allalingletscher und stürzen ins Tal. Sie begraben das Barackendorf einer Staudamm-Baustelle unter sich. 88 Menschen sterben.

Trägt wirklich niemand die Schuld an dieser verheerenden Katastrophe, wie es nachher heißt? Um diese Frage, seine Freundschaft zu Mario und seine Liebe zu Seraina dreht sich die Geschichte des Ingenieurs Hans-Rudolf Hilfinger, die er niederschreibt und in einem Verlag veröffentlichen möchte.

Das Manuskript geht jedoch vergessen und taucht erst Jahre später wieder auf, als der Verlagsleiter Florian Steiger seinen Arbeitsplatz räumen muss.

In seinem Roman zeichnet Urs Hardegger entlang seiner Figuren ein lebendiges Bild der Wachstumseuphorie der 1960er Jahre und deren Auswirkungen auf Mensch und Natur. Themen, die bis heute nachwirken und noch immer hochaktuell sind.


  • Erscheinungstag: 15.04.2025
  • Seitenanzahl: 220
  • ISBN/Artikelnummer: 9783312013913
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Urs Hardegger

Ein unvorhersehbares Ereignis

Roman

In der weiten Welt

Ein Floß treibt in den Wellen. Angehoben von der einen, überflutet von der nächsten. Insgesamt neunzehn menschliche Körper sind zu sehen. Einige der zerschundenen Gestalten sind bereits tot, die Lage der anderen ist verzweifelt. Ausgehungert und durchnässt harren sie auf den Holzplanken aus, schutzlos der Gewalt des Meeres ausgeliefert. Die einen können sich kaum noch bewegen, andere richten sich auf, geben einander Halt und winken mit erhobenen Armen in die Ferne.

Steiger steht vor dem Gemälde und lässt den Rummel über sich ergehen. Dicht an dicht drängen sich wildfremde Menschen aneinander, den Blick auf das Floß gerichtet, das lästige Drumherum notgedrungen ertragend. Fast alle, die in den Bildersaal eintreten, bleiben vor Géricaults Gemälde stehen. Einige haben es eilig, werfen einen Blick darauf, zücken das Handy für ein Selfie, und die Sache ist abgehakt. Andere lassen sich mehr Zeit, wählen die Nummer im Audioguide und starren auf die Leinwand. Ununterbrochen treten auch größere Gruppen in den Raum. Mal mehr, mal weniger aufmerksame Schulkinder, die sich vor ihre Lehrerinnen auf den Boden setzen. Steiger beobachtet eine japanische Reiseleiterin, die sich vorne hinstellt und über ein Mikrofon zu ihrer Gruppe spricht. Er hört nichts, sieht nur ihre Mundbewegungen, ihre Mimik und Gestik – pantomimische Bewegungen, die wirken, als ob sie einstudiert wären. Wie auf ein Zeichen bricht sie ab, das Interesse erlischt, und die Reiseleiterin zieht mit ihrer Karawane weiter. Sogleich nimmt die nächste Begleitperson ihren Platz ein und setzt zu Erklärungen an.

Steiger freut sich über die Momente, in denen sich niemand vor ihn hinstellt und ihm die Sicht versperrt. Dies erlaubt ihm, sich auf das Wesentliche zurückzubesinnen. Es ist ein düsteres Gemälde, das zudem über die Jahre stark nachgedunkelt hat und fleckig geworden ist. Erst mit der Zeit erkennt er im Dunkeln auch gelbliche, bläuliche und grünliche Schattierungen, und ihm fällt auf, wie streng das Bild komponiert ist. Es ist eine klare Bewegung von der unteren linken Ecke diagonal nach oben zu erkennen. Ein Streben zum Licht hin. Nur wer genau hinsieht, erkennt den Grund. Ein Schiff ist am Horizont aufgetaucht und schürt Hoffnung. Es ist so unscheinbar, dass es vielen gar nicht auffällt. Trotzdem bestimmt dieses Detail die Szene.

Ihn interessiert etwas anderes: Wie die Menschen in einer solchen Notsituation handeln und miteinander umgehen. Einige haben resigniert. Einer stützt seinen Kopf auf den Ellbogen, wendet sich ab und schaut mit leerem Blick zu Boden. Im Dunkeln beim Mast sieht man verängstigte Gesichter. Sie zeigen erschöpfte Menschen, die kaum noch zu Handlungen fähig sind. Bis auf einen, der den Arm zum Horizont streckt und zu den anderen zurückschaut, als wollte er sagen: »He, gebt nicht auf, Rettung naht.« Die vier Menschen rechts davon zeigen noch Lebenswillen. Sie stützen einander, damit einer auf ein Fass steigen und sich mit einem Tuch bemerkbar machen kann. Aber wo sind diejenigen geblieben, die es nicht mehr auf Théodore Géricaults Bild geschafft haben? Deren Leben eins nach dem anderen erlosch, als die Situation auf dem überfüllten Floß immer prekärer wurde? Sie mussten sterben, damit die Übriggebliebenen leben konnten.

Bestimmt kein Zufall, dass Steiger sich genau in dem Moment an das Manuskript erinnert, das ihm damals dieser Hilfinger überreicht hat und das er seit Tagen unschlüssig mit sich herumträgt. Das Manuskript – genau genommen handelt es sich um ein mit Schreibmaschine verfertigtes Typoskript – war liegen geblieben und ihm erst wieder in die Hände geraten, als er im letzten Sommer den Schreibtisch im Verlag räumen musste. Es stünden erneut größere Umstrukturierungen an, vollzeitliche Programmleiter in der bisherigen Form rechneten sich nicht mehr, er wisse ja selbst, wie es um das Verlagswesen stehe, entschuldigte sich der Hauptaktionär und oberste Chef der Verlagsgruppe Stephane F. Gündelhart. Den hatte er lange Zeit für ganz in Ordnung gehalten. Bis auch ihn das Fieber ständiger Veränderung packte. Es tue ihm wirklich leid, wiederholte Gündelhart gleich mehrmals, mit einem Lächeln, das jede Freundlichkeit verloren hatte. Er müsse wissen, dass ihm dieser Entscheid nicht leichtgefallen sei. Beinahe die gleichen Worte, die Steiger ein paar Monate zuvor selbst noch zu einer Mitarbeiterin gesagt hatte. Nur, dass er da auf der anderen Seite saß. Es folgte das übliche Blabla, man solle darin eine Chance sehen, und anderer Mist, den er sich hätte sparen können.

Von einem Arbeitgeber, dem man über fünfundzwanzig Jahre mehr als nur die Treue gehalten hatte, derart abserviert zu werden, tat weh. Was blieb da anderes übrig, als sich krankschreiben zu lassen, den Schreibtisch zu räumen und sich ohne Abschied und Ehrung aus dem Staub zu machen?

Die Kündigung hatte aber tatsächlich auch ihr Gutes. Er war befreit von der Last der Verantwortung, von all den Sitzungen, bei denen er ungeduldig auf das Ende wartete, er musste nicht länger an Stehpartys wortreich über Nichtigkeiten reden und sich mit Menschen unterhalten, mit denen er nichts am Hut hatte, sich aber aus beruflichen Gründen gut stellen sollte. Anfänglich war er noch zuversichtlich, reduzierte sein Leben auf eine DIN-A4-Seite (was offen gestanden völlig ausreichte), verfasste beflissen motivierte Schreiben und glaubte, er käme rasch wieder irgendwo im Verlagswesen unter. Doch auf die hochgelobte, »breite und allseits anerkannte Erfahrung« konnte der Literaturbetrieb problemlos verzichten. Die Deutschschweizer Verlagsbranche war überschaubar, man kannte sich, und mit seiner mitunter etwas direkten Art hatte er sich nicht nur Freunde gemacht.

Bald gehörten der Gang zur Regionalen Arbeitsvermittlung, das Ausfüllen von Anträgen und das Einholen von Bescheinigungen zum festen Tagesritual. Ohne dass sich, außer einigen Gelegenheitsjobs, etwas ergeben hätte, aber mit dem Resultat, dass ihm allmählich der Glaube an sich selbst abhandenkam. Als ihm dann ein ehemaliger Arbeitskollege, dem er sein Leid geklagt hatte, anbot, ihm seine Pariser Wohnung für zwei Monate zu überlassen, kam ihm das gerade recht. Um den Kopf freizubekommen, wie der Kollege hinzufügte. Das war es, was er sich gewünscht hatte. Eine Auszeit für Selbstfindung und Klärung. Gleich am nächsten Tag packte er die Koffer und fuhr los.

Steiger erinnert sich, wie Hilfinger damals in sein Büro getreten ist, ihm sein in braunes Packpapier eingewickeltes Manuskript auf das Pult knallte und meinte: »Das ist meine Geschichte. Sie bringt Licht ins Dunkel eines Unrechts und muss an die Öffentlichkeit. Das wird nicht allen gefallen. Aber es ist die Wahrheit.« Hilfingers überzogenes Auftreten war so grotesk, dass Steiger erst einmal auf den Boden schauen musste, um nicht laut herauszuprusten. Das hatte er bis anhin und auch später nie mehr erlebt. Da kam einer, ohne sich anzumelden oder sich vorzustellen, und forderte ihn ultimativ auf, seinen Text zu veröffentlichen.

»Mal langsam«, sagte er, nachdem er sich etwas gefasst hatte, »wer sind Sie überhaupt, und wer hat Ihnen erlaubt, derart überfallartig in mein Büro zu stürmen?«

Hilfinger ließ sich nicht beirren. Im Gegenteil gestatteten sein Blick und seine entschlossene Haltung keinen Zweifel daran, dass er es ernst meinte, sodass es Steiger für angebracht hielt, ihm zu versprechen, einen Blick hineinzuwerfen. Hilfingers kategorisches »Muss an die Öffentlichkeit« und seine nicht zu überbietende Dreistigkeit verfehlten ihre Wirkung nicht. Schon aus reiner Neugierde wollte Steiger wissen, was es so dringend zu sagen gab, dass man sich deswegen erlaubte, alle Gepflogenheiten des Anstands außer Kraft zu setzen. Er nahm sich am Wochenende etwas Zeit und war angenehm überrascht, mit welcher Akribie Hilfinger ans Werk gegangen war. An ihm war bestimmt kein Sprachästhet verloren gegangen. Manches klang in Ohren, die sich jahrelang mit sprachlichen Feinabstimmungen, Ober- und Untertönen befasst hatten, ziemlich disharmonisch und hölzern. Manchmal trug er zu dick auf, oft schweifte er ab. Und trotzdem übte sein Text eine Faszination aus.

»Die Sache klingt interessant, ist aber stark absturzgefährdet«, erklärte er Hilfinger eine Woche später. Dieser verstand sein Wortspiel und verzog die Mundwinkel zu einem Lächeln. Worüber er schreibe, sei spannend, und gelegentlich schimmere sogar ein gewisses erzählerisches Talent durch, sagte er in der Pose des jungen Programmleiters, die er gerade am Einüben war. Allerdings gelte es, nochmals den Hobel anzusetzen. Er riet ihm, den romanartigen Bericht gründlich zu überarbeiten, es fehle an Struktur, er müsse strikt auf eine lineare Erzählweise achten, und ergänzte, es würde dem Text an gewissen Stellen nicht schlecht anstehen, wenn er mehr Abstand zum Geschriebenen bekäme. Er hocke noch zu stark in der Suppe mit drin. (Eine Aussage, die er später bereute.) Manches klinge zu schweizerisch, zudem sei das Buch wegen gewisser Stellen noch ein Fall für die Rechtsabteilung. Aber er könne sich vorstellen, dass es nach einer gründlichen Überarbeitung in einer nicht allzu großen Auflage sein Publikum finde.

Offen gestanden war er ziemlich überrascht, als Hilfinger keine vier Monate später an seine Tür klopfte und mit deutlich weniger Getöse einen, wie er sagte, »völlig überarbeiteten Text« auf den Tisch legte. Er bat Hilfinger um Geduld, er werde sich in Bälde – eine seiner damaligen Lieblingswendungen, um sich etwas Luft zu verschaffen – mit ihm in Verbindung setzen. Und wie es halt so läuft, der Verlagsalltag ist turbulent, der Text ging vergessen, und er erinnerte sich erst wieder an das Manuskript, als er über ein Jahr später von Hilfinger eine Postkarte aus Reims erhielt. Auf der Vorderseite war die berühmte Kathedrale abgebildet, auf der Rückseite stand in krakeliger Schrift, er halte sich wegen gewisser Umstände bei seiner Cousine auf und verstehe nicht, warum er so lange nichts von Steiger gehört habe. Darunter seine aktuelle Anschrift: c/o Cathérine Levasseur, 2, Rue du Barbâtre, F-51100 Reims. Steiger antwortete Hilfinger, er solle sich telefonisch bei ihm melden, hörte aber nichts mehr von ihm. Das Schreiben an seine letzte Adresse in Schwamendingen kam mit dem Vermerk »Empfänger unbekannt« zurück. Er setzte eine Mitarbeiterin auf ihn an, doch mehr als den Hinweis der Einwohnerkontrolle »ins Ausland verreist« konnte sie nicht in Erfahrung bringen.

Ein letztes Lebenszeichen erhielt er zwei Jahre später aus dem Sanatorium Hohenegg. Hilfinger schrieb ihm einen mehrseitigen, etwas wirren Brief, in dem er ihm schwere Vorwürfe wegen des Manuskripts machte. Ein Satz, der darin stand, ist Steiger seither nicht mehr aus dem Kopf gegangen: »Wie es sich anfühlt, wenn es einem wirklich dreckig geht, kann sich einer, der sein Leben auf dem Spannteppich und am designten Bürotisch verbringt, halt nicht vorstellen.«

Er wollte trotz solcher Grobheiten weiterhin etwas aus dem Text machen, aber der Brief traf zu einem ungünstigen Zeitpunkt ein. Steiger stand abermals mächtig unter Zeitdruck, musste dringend die schon um Monate verspätete Friedrich-Glauser-Jubiläumsausgabe zu Ende bringen und reagierte deshalb nicht sofort. Allmählich wanderte das Manuskript auf dem Stapel nach unten und verschwand eines Tages in der ominösen Schublade mit dem Unerledigten. Die Spur des Autors verlor sich. Bis Steiger Jahre später über Umwege erfuhr, dass Hilfinger unter ungeklärten Umständen bei Spreitenbach von einem Zug überfahren worden sei.

Steiger hat sich nach Paris aufgemacht, um wieder Boden unter die Füße zu bekommen, und vielleicht auch – das hat er niemandem gesagt –, um eine Schuld abzutragen. Doch nun hat ihn das lange Stehen erschöpft, und seine Nerven flattern.

Der Maler kann einem leidtun. Er hielt auf der Leinwand fest, was sich abspielt, wenn die Ordnung zerfällt und Menschen ums nackte Überleben ringen. Doch wie apokalyptisch und dramatisch er die Szene auch ausgemalt hat, hier in diesem Saal erschüttert sie kaum jemanden. Die Botschaft des Künstlers geht unter, das Getöse des Meeres und die Schreie der Ertrinkenden verhallen im Lärm der Zeit. Jeder und jede ist zu sehr mit sich selbst, den technischen Geräten oder der Gruppe beschäftigt, als dass die Darstellung des Leids wirklich unter die Haut ginge. Man konsumiert Kunst und möchte sich beim Betrachten derselben nicht zum Augenzeugen einer Katastrophe machen lassen.

Hinter der Ästhetik der Kunst verbirgt sich Unappetitliches, reale Menschen, die Riemenzeug herunterwürgen oder den Toten das Fleisch aus dem Körper schneiden, um es zu verschlingen. Ihren Ekel mit Wein hinunterspülend, wie es im Bericht des Schiffsarztes zu lesen ist. Steiger hätte jetzt gern jemanden an seiner Seite gehabt, mit dem er sich austauschen kann. Das Bild beginnt, sich zu bewegen. Die Menschen auf dem Floß zittern, die Tücher flattern im Wind, und ein Gemisch von Schweiß, Urin und Fäkalien steigt ihm in die Nase. Sein Atem stockt. Es ist genug. Er hat genug gesehen.

Er wendet sich ab, eilt, ja rennt fast dem Ausgang zu.

Nachdem Steiger aus dem Museumslabyrinth herausgefunden hat, ist er erleichtert. Der Lärm und die Hektik haben ihm zugesetzt, und er ist froh, dem Trubel entkommen zu sein. Es drängt ihn weiter. Als ihn die Ampel der stark befahrenen Rue de Rivoli zum Warten zwingt, wird er unruhig, und es hätte nicht viel gefehlt, er wäre erneut in Panik geraten. Endlich. Das Lichtsignal springt auf Grün, und die Menschenmengen beidseits der Straße zwängen sich auf die andere Seite. Zwischen Müllbergen und Buren-Säulen hindurch eilt er mit großen Schritten in die Gartenanlage des Palais Royal, wo er schließlich am Wasserbecken des Brunnens stehen bleibt und auf einen der Stühle sinkt. Der Springbrunnen ist noch außer Betrieb. Es braucht kein Wasser. Die Leere passt nicht schlecht zu seiner Gemütsverfassung. So scheint es auch dem Stadttaubenpärchen zu gehen, das sich mit dem spärlichen Restwasser begnügt. Die beiden hüpfen von einer Brunnenpfütze zur anderen, tauchen den Schnabel ins Wasser und heben den Kopf, um es aufzunehmen, gänzlich unbeeindruckt von seiner Anwesenheit.

Hier in Paris ist er unsichtbar. Niemand kennt ihn, niemand beachtet ihn, niemand erwartet etwas von ihm. Als ob er untergetaucht wäre. Sich Zeit nehmen, und sei die Sache noch so unbedeutend und nebensächlich, das war es, was ihm in seinem durchgetakteten Alltag gefehlt hat. Jeden Morgen um sieben aus dem Haus, abends nicht vor sieben zurück. Gefehlt hat er praktisch nie, krankschreiben lässt man sich erst, wenn man tot umfällt, dachte er damals. Kaffee trank er literweise, Mittagspausen machte er selten, und wenn, dann höchstens dreißig Minuten, wenn nicht gerade ein Geschäftsessen angesagt war. Bis vor zehn Jahren ging es auch nicht ohne seine Camel, mindestens eine Packung täglich. Er war überall und nirgends, da und nicht da, ständig tausend Dinge im Kopf.

Er hatte den Verlag auf Erfolgskurs geführt, sich den Ruf eines umsichtigen Verlagsleiters mit einem guten Riecher für Nachwuchstalente erworben, auch für ausreichend Diversität gesorgt. Er hielt sich für unentbehrlich und wähnte sich unangreifbar. Obwohl mit der Zeit sein Elan nachließ und es ihn ermüdete, den Literaturbetrieb alljährlich mit einer »großen Sensation«, einem »Meisterwerk« oder einer »einzigartigen, unverwechselbaren Erzählstimme« zu beglücken, verhalf ihm dies zu Bedeutung. Er war jemand oder bildete sich zumindest ein, jemand zu sein, bis er eines Tages eines Besseren belehrt wurde und sich alles als Luftschloss erwies. Zu lange hatte er nicht bemerkt oder nicht merken wollen, was um ihn herum vor sich ging. Und als er erkannte, wie es wirklich stand, war es zu spät.

Seine frühere Welt hat sich von ihm verabschiedet, und er sich von ihr. Trotzdem bleibt sein Gemütszustand labil. Er schläft schlecht. Nicht nur wegen denen, die die Welt zugrunde optimieren, es sind Dinge ins Rutschen geraten, die er bis vor Kurzem nicht für möglich gehalten hätte. Die Welt erleidet Schiffbruch, der Planet brennt, die keineswegs gerechte, aber wenigstens vertraute und einigermaßen stabile Staatenordnung ist aus den Fugen geraten. Man kann doch nicht zuschauen, wie Narzissten und Psychopathen die Welt ins Verderben stürzen, und so tun, als ob die politischen Großereignisse einen nichts angingen. Die bisherige Weltordnung zerbricht, und ob man es will oder nicht, man ist Teil dieser Gegenwart. Nichts wäre leichter, als zu verbittern und mit dem Schicksal zu hadern … wäre da nicht das rettende Schiff. So klein und unscheinbar Géricault es gemalt hat, es bildet den Lichtblick, trotz allem, den kleinen Hoffnungsschimmer am Horizont. Es muss doch etwas geben, an das zu glauben sich lohnt. Und war es nicht Hölderlin, der gesagt hat, dass da, wo Gefahr ist, auch das Rettende wachse?

Steiger weiß nicht, wie lange er ins Leere gestarrt hat. Als er aufblickt, ist er überrascht, wie unbeirrt das alltägliche Leben weitergeht und dass es selbst vor einem königlichen Park nicht haltmacht. Mag die Welt noch so eifrig am eigenen Grab schaufeln, wo er hinschaut, zufriedene Menschen, die ihre Hunde spazieren führen, mit Kindern Fangen spielen oder sich die Zeit mit Lesen und Nichtstun vertreiben. Einfach da sein. Das hätte er sich auch gewünscht, sich unbeschwert dem Leben und den Launen der Stadt hingeben. Sich von der Last der Vergangenheit und der Bedrohung der Zukunft frei machen. Sich ganz der hauchdünnen Schicht Gegenwart aussetzen. Wie der bärtige Mann, der sich mit seinen großen Taschen neben ihn auf einen Stuhl gesetzt hat und mit geschlossenen Augen vor sich hin döst.

Steigers Atem beruhigt sich, fast scheint es, als ob ein klein wenig vom königlichen Glück auf ihn überspränge. Der frühe März, unschlüssig, ob er noch Winter oder schon Frühling sein will, entfaltet einen eigenen Reiz. Die Magnolien stehen in voller Blüte, während den anderen Bäumen noch die Kraft fehlt, es ihnen gleichzutun.

Der Mann neben ihm hat schon vor einiger Zeit zu schwatzen begonnen. Unter seinem Hut gucken fettige Haarsträhnen hervor, und sein Gesicht ist voller Pickel. Er gestikuliert mit den Händen, und wenn er zwischendurch kurz auflacht, sieht man, dass ihm die Vorderzähne fehlen. Gewiss hat er einmal bessere Zeiten erlebt. Er holt eine Milchflasche hervor, nimmt einen kräftigen Schluck und lächelt zufrieden, während ein Teil der Milch wieder herausläuft und ihm über Kinn und Bart rinnt. Instinktiv rückt Steiger seinen Stuhl ein wenig zur Seite. Es riecht und fühlt sich anders an, wenn sich die Abgründe des Lebens nicht wohldosiert zwischen Buchdeckeln, sondern in nächster Nähe auftun. Der Mann ärgert sich über den Abfall, der sich wegen des Streiks der Müllabfuhr angehäuft hat und ihn zwingt, sich einen neuen Schlafplatz zu suchen. Er sei Alain, wendet er sich Steiger zu, stamme aus Metz, und will von ihm wissen, wie er heiße, woher er komme. Steiger zögert einen Moment, ist unschlüssig, wie reagieren, antwortet dann aber doch, worauf ihm der andere alle Schweizer Städte aufzählt, in denen er schon einmal gewesen ist. Genève, Lausanne, Bâle, Zurich, Saint-Gall. »Ah, weit gereist«, unterbricht ihn Steiger. Er zeigt auf Alains große Taschen und fragt mit der Wendung, die sich hier eingebürgert hat, ob er ohne »fixes Domizil« sei. Der Gefragte lächelt, wird dann aber ernst und holt zu einer weitschweifigen Erklärung aus, so undeutlich und wirr, dass Steiger kaum ein Wort versteht.

Er begegnet auf seinen Spaziergängen vielen, die genau genommen nicht nur ohne fixes, sondern überhaupt ohne Domizil sind und irgendwo unter einer Brücke oder einem Vordach – manchmal geschützt durch ein Zelt oder aufgeklappte Pappkartons – bei Wind und Wetter im Schlafsack übernachten. Die Gründe mögen vielfältig sein. Mit der Freiheit, zu der ihr Dasein manchmal verklärt wird, hat es wenig zu tun. Letzthin hat er im 11. Arrondissement an einem Brückenpfeiler einen kleinen Aushang bemerkt. »Silvain est décédé le 10 août … Impasse Delépine.« Ein beigefügter QR-Code führte ihn zu einer Plattform von Freiwilligen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, verstorbenen sans domicile fixe eine Erinnerung zu schenken. Der virtuelle Nachruf hat ihn berührt. Ein paar Worte, die Menschen am Rande vor dem sang- und klanglosen Vergessen bewahren und ein kleines Zeichen setzen, dass auch sie existiert und ein Recht auf Gedenken haben.

Und in welcher Welt lebt Alain? Seine Geschichte wird Steiger nie erfahren. Der Bärtige hat sich schon zu stark in seine eigene Welt hineingeredet. Seine anfangs noch halbwegs verständlichen Sätze sind in ein Wirrwarr übergegangen und Steigers Gedanken längst woanders. Ihm fehlt die Vorstellungskraft, um sich in ein Leben à la dérive, ein Leben, das am Rande des Abgrunds dahintreibt, hineinzudenken. Steiger unterbricht den Dauerredner, will sich mit ein paar netten Worten verabschieden. Aber dieser scheint das Interesse an ihm verloren zu haben und hört gar nicht hin.

Am Ende des Gartens setzt Steiger sich unter einer noch blätterlosen Kastanie auf eine Bank. Er öffnet seine Tasche, zieht den mit Papier umhüllten Stoß Blätter heraus und legt ihn auf die Knie. Behutsam fährt er mit den Fingern über die zerknitterte Oberfläche des Umschlags und erinnert sich an Hilfingers Gesicht, als er ihm die erste Fassung auf das Pult geknallt hat. Steiger faltet das Päckchen auseinander, das Packpapier fühlt sich rau an, die Farbe ist verblasst, an manchen Orten bereits angegraut. Er ergreift den Stapel und blättert darin. Über hundert eng beschriebene Schreibmaschinenseiten, die Kapitel fein säuberlich mit Büroklammern getrennt. Es ist keine Endfassung. Im Text und an den Rändern sind zahlreiche Streichungen und Korrekturen angebracht. Hie und da ein paar handschriftliche Erläuterungen. Er geht zum ersten Kapitel und beginnt zu lesen.

*

Wer ist schuld? Diese Frage lässt mir keine Ruhe mehr. Marios Tod raubt mir den Schlaf, auch diese Nacht habe ich wach im Bett gelegen, und meine Gedanken sind um ihn gekreist. Besonders jetzt, wo ich es niederschreibe, wühlt es mich auf. Man könnte sich fragen, warum erst jetzt? Warum hast du so lange geschwiegen, Hilfinger? Die Sache ist doch längst gegessen, liegt lange zurück. Gewiss, eine lange Zeit. Aber die Antwort ist einfach. Ich konnte nicht früher. Die Sache hatte mir zugesetzt, ich wollte sie wegschieben, nichts mehr damit zu tun haben, hoffte, die Gespenster im Kopf würden verschwinden. Hat aber nicht funktioniert. Die Bilder holten mich ein und quälten mich weiter. Weder mit Alkohol noch Medikamenten ließen sie sich vertreiben. Und ja, irgendwann ist mein Leben, aus was für Gründen auch immer, vollends aus dem Ruder gelaufen.

Ich solle das Erlebte aufschreiben, hat mir Seraina, eine gute Freundin, die ich schon seit der Sekundarschulzeit kenne, mehrmals geraten. Schreiben bringe Licht ins Dunkel, und es helfe mir, aus dem Loch zu finden. Lange Zeit schaffte ich beides nicht. Weder zu schreiben, noch aus dem Loch zu kommen. Jedes Mal, wenn ich die Notizen rauskramte, kehrten die Gespenster zurück, und eine lähmende Müdigkeit überkam mich. Nach dem dritten oder vierten Abschnitt war Schluss. Ich zerknüllte das Papier oder kaute nur noch am Bleistift herum. Du saßest wiederum vor mir, mit den buschigen Augenbrauen und dem dunklen Teint, den du, wie du mir erzählt hattest, deiner sizilianischen Mutter verdanktest, und rutschtest aufgeregt auf der Sitzbank hin und her. An unserem letzten Abend in der Kantine – wir waren in fröhlicher Stimmung, du am ausgelassensten – hast du allen eine Runde Bier spendiert, stelltest dich auf die Bank und schriest mit leuchtenden Augen: »Diventerò papà!«

Du wärst es geworden, aber du warst es nie. Du hast dein Kind nie gesehen. Und wer trägt die Schuld? Niemand. Niemand ist es gewesen, hieß es danach. Denn Verantwortung zerrinnt, wenn es wehtut, verliert sich in einem Wust von Spitzfindigkeiten und schwammigen Begriffen. Wörter bekommen neue Bedeutungen, Wissenschaftler liefern wortgewaltige Gutachten, gewiefte Juristen beugen das Recht, und einflussreiche Freunde erledigen den Rest. Ja, die Kunst der Vertuschung trieb damals seltsame Blüten. Alle stahlen sich feige davon. Auch ich war kein Held. Darum will ich es nun erzählen. Ich tue es für dich, Mario, damit dir Gerechtigkeit widerfährt. Es ist deine Geschichte, auch meine, es ist die Geschichte unserer Freundschaft und die Geschichte einer Katastrophe, die so nicht hätte passieren dürfen.

Doch ich muss früher beginnen. Weit ausholen, damit du und alle, die dies lesen, mich verstehen. Denn wie die meisten Geschichten fing auch diese harmlos an. Mindestens ein Jahr, bevor wir an jenem Tisch saßen und du dich auf dein Kind freutest. Denn was ist das Schicksal anderes als eine unentwirrbare Abfolge von Zufällen und bewussten Entscheidungen? Hätte ich beispielsweise meinem Studienkollegen die Freude gemacht und wäre in dessen kleines Ingenieurbüro an der Zürcher Langstraße eingetreten, wir hätten uns nie kennengelernt, und mein Leben wäre anders verlaufen. Ich hätte in einem Fünf-Mann-Betrieb mit überschaubarem Fachgebiet gearbeitet, spezialisiert auf die Zustandserfassung von Straßenbelägen. Daran hätte niemand etwas auszusetzen gehabt. Schließlich war es ein Fachgebiet mit Zukunft. Wer hätte das in den 1960er-Jahren in Abrede gestellt? Aber ich war jung, war ambitioniert und wollte mehr. Wofür sonst hatte ich neben der Arbeit in einem Zürcher Bauunternehmen drei Jahre lang am Abendtechnikum gebüffelt und dabei sozusagen ein Mönchsleben geführt?

Kaum hielt ich das Bauingenieursdiplom in Händen, rissen sich die Firmen um mich, und ich entschied mich, ohne lange zu fackeln, für das Flaggschiff der Schweizer Elektroindustrie, die Elektrowatt in Zürich. Ein Traumjob, um den mich alle beneideten. Wer hätte nicht gern in einem der führenden europäischen Energie- und Elektrounternehmen mit den angesehensten Ingenieuren am gleichen Tisch gesessen? Als man mich kurz nach der Einstellung noch zum stellvertretenden Bauleiter auf einer Großbaustelle ernannte, war mein Glück vollkommen. Eine grandiosere Berufskarriere hätte ich mir kaum denken können. Doch wie heißt es so schön: keine Rosen ohne Dornen. Wer Karriere machen will, muss Opfer in Kauf nehmen. Ich musste die recht komfortable Zweizimmerwohnung an der Heinrichstraße in Zürich gegen ein tristes Gastzimmer in einem abgelegenen Walliser Bergtal tauschen. Etwas anderes war nicht vorstellbar. Der stellvertretende Bauleiter musste vor Ort sein.

Immerhin tröstlich, dass mir Seraina, die sich nach einer unglücklichen Liebschaft wiederholt in meinem Bett ausgeweint hatte, anbot, dass ich bei ihr auf der Couch übernachten könne, wenn ich Sehnsucht nach Zürich bekäme. Länger als vier Wochen am Stück könne ich es in einem solch elenden Bergkaff bestimmt nicht aushalten.

Meine Wohnung war geräumt, die Möbel eingestellt, es ging los. Am 2. August 1964, einen Tag bevor ich meine Stelle antrat. Mit nur einem Koffer in der Hand verabschiedete ich mich am Bahnhof von Seraina und machte mich auf die Reise, ohne im Geringsten zu ahnen, was mich erwarten würde.

Mein Ziel war ein kleines Dorf am Ende des Saastals, knapp eine Stunde von Visp entfernt. Wo sich dieses Tal befand, hatte ich erst kurz vorher erfahren, Geografie war nie meine Stärke gewesen. Wie hatte ich mich in der Schule mit diesen Flüssen, Bergen und Passübergängen rumgequält und trotzdem nichts auf die Reihe bekommen. Ich hatte es mehr mit den Zahlen.

Ich weiß noch, wie ich erwartungsvoll die zwei Stufen des Postautos hinabstieg, auf der Seite die Klappe des Laderaums öffnete und meinen Koffer herauszog. Das Postauto wendete, nahm ein paar Wanderer auf und ließ mich allein zurück. Das Hotel Portjengrat, in dem ich ein Zimmer gebucht hatte, befand sich gleich gegenüber, keinen Steinwurf entfernt. Ich besänftigte meine Lunge, der die dünne Bergluft nicht guttat, mit einer Zigarette und zog langsam und tief den Rauch ein. Wo ich hinsah, ging es nach oben, auf beiden Talseiten ragten steile Felswände auf, und in der Fortsetzung des Tals erhoben sich weiß gezuckerte Berggipfel. Huere Siech, wo war ich da gelandet. Berge, Berge, nichts als Berge. Es kam mir vor, als ob man mich direkt an den Arsch der Welt verpflanzt hätte. Aber das tat meinem Tatendrang keinen Abbruch. Ich drückte mit dem Schuh den Zigarettenstummel aus, überquerte die Straße und klingelte an der Rezeption. Der Hotelier persönlich trat aus einer engen Kammer und empfing mich mit einem Handschlag und »Güetä Tag«. An seinen Dialekt musste ich mich erst mal gewöhnen, er vermutete sogar, nachdem er mehrere Fragen wiederholen musste, ich höre nicht gut. »Chumet, Herr Hilfinger, ich zeichu Eiw Eiws Zimmer«[1], sagte er schließlich, als er das Anmeldeformular ausgefüllt hatte, und führte mich in den oberen Stock. Der Raum war zwar schön hell, enthielt aber nur das Nötigste und erinnerte eher an eine Mönchszelle als an ein Hotelzimmer. Ein Bett, ein Tisch mit Stuhl, ein Schrank, der Heiland am Kruzifix an der Wand. Neben dem Fenster zur Straße stand der Waschtisch mit dem Wasserkrug. Das musste fürs Erste genügen. Wenigstens war alles sauber.

Der Hotelbesitzer schien an Gäste wie mich gewöhnt. Dass ich kein Tourist war, hatte er sofort gesehen. Wann ich denn oben anfangen tue, wollte er wissen. »Morgen«, antwortete ich und fügte hinzu, dass ich gern im Hotel bleiben würde, bis ich was Passendes habe. Das sei kein Problem, sagte er, obwohl er vielleicht sogar nicht ungern einen Dauergast gehabt hätte. Ich könne es gelegentlich bei der Kalbermatten-Agnes unweit der Kirche probieren, sie habe ein Fremdenzimmer, und er habe gehört, dass es frei würde. Er kam dann aber lieber auf sein wunderbares Gsottus zu sprechen, das er bereits auf dem Herd habe. Er täte mir einen Platz reservieren.

Doch zuerst musste ich mich in der Mönchszelle etwas einrichten. Ich nahm das Kreuz von der Wand und legte es in eine Schublade, leerte den Koffer und schob ihn unter das Bett. Viel Zeit blieb nicht, bald war Essenszeit. Offen gestanden war mir schon etwas mulmig zumute, als ich jetzt allein im Zimmer stand und meine Situation überdachte. Das flaue Gefühl war jedoch schnell verflogen, als ich kurze Zeit später den Speisesaal betrat, wo sich bereits eine Wandergruppe eingefunden hatte. Die Wanderer saßen mitten im Raum, ohne mich zu beachten. Ich ging an ihnen vorbei und schaute mir die Fotografien an der gegenüberliegenden Wand an. Alte Aufnahmen vom Ort. Eine Hauptstraße, ein paar Abzweigungen, dazu eine Kirche, ein paar Häuser und jede Menge Heustadel. Manche standen wie auf Stelzen auf vier steinernen Pfosten, was ich verwunderlich, aber in Bezug auf die Gebäudestatik recht interessant fand. Darum herum Wiesen, Wälder, schroff aufsteigende Berge. Ich las das Gedicht: »Preis Dir, o Gott, aus dem Saastal, / das Du gebettet, dem Edelweiß gleich, / offen, dem südlichen Frühstrahl, schimmernd umrahmt vom gletschernen Reich: / Juble, o Saastal, milde und herbe, singe dem Herrn, du glückliches Erbe!«

Vom gletschernen Reich, dachte ich, zu den Gletschern, die alle reich machen. So ändern sich die Zeiten. Ein Edelweißbett und ein paar südliche Frühstrahlen reichen nicht aus, um den Durst der Menschen nach Energie für neue Kühlschränke und Waschmaschinen zu stillen. Aber wenn wir schon beim Stillen sind, zuerst mal musste mein Durst gestillt werden. Daran erinnerte die Bierreklame der Walliser Brauerei an der anderen Wand, wo in fetten Lettern zu lesen war: »Ob blond, ob braun, wir lieben alle Frau’n.« Dazu die Frauen mit den entsprechenden Haarfarben und der Hinweis, dass das dunkle Malzbier mit viel Schaum zu trinken und leicht verdaulich sei, das blonde Hopfen sich hingegen eher als Bier für die Geselligkeit eigne.

Ich setzte mich an einen freien Tisch, bestellte ein Blondes und einen Viertel Schnaps. Mehr Geselligkeit ging nicht. Im Gegensatz zu den Wanderern, denen das blonde Hopfenbier offensichtlich bereits ordentlich in den Kopf gestiegen war. Sie prosteten einander zu, scherzten und lachten drauflos, bis der Walliser Wanderleiter mit einem Messer ans Glas schlug, aufstand und zu einer sicherlich nicht zum ersten Mal gehaltenen Rede über die Eigenheiten der Walliser ansetzte. Er tat dies so überzeugend, dass man ihm fast abgenommen hätte, dass der Herrgott ein spezielles Auge auf dieses zähe, aber immer bescheidene Völklein geworfen habe. Und solange man sie in Ruhe lasse, seien sie auch gutmütig. Außer, wenn man sie mit der falschen Anrede ärgere, denn hier heiße es nicht Grüezi, sondern Güetä Tag, oder den Fehler begehe, im Winter ein Raclette zu bestellen, was für einen rechten Walliser und dieses Sommergericht einer Beleidigung gleichkomme. Aber sonst könnte man es richtig gut mit ihnen haben. Nur auf den Wein lasse man im Wallis nichts, aber auch gar nichts kommen, möge er gelegentlich auch etwas herb sein. Aber er zeige Charakter, so, wie sie es täten. Obwohl man ihnen dies gelegentlich als Sturheit und Eigensinn auslege.

Die junge Serviertochter, die mir das Essen auf den Tisch stellte, war eine echte Schönheit. Ihr Rock reichte bis weit über die Knie, und ihre bestickte Bluse war bis oben geschlossen. Das wirkte in einer Zeit, in der sonst überall die Absätze höher, die Röcke kürzer und die Ausschnitte tiefer wurden, mehr als nur antiquiert. Wie alles hier oben. Der Wanderleiter plauderte im gleichen Ton weiter, doch ich hörte nicht mehr hin. Sein Getue ging mir auf den Wecker. Selbst das Bier und der Schnaps schmeckten nicht. Was ging mich dieses Wallis an? Ich war hier, um zu arbeiten – der einzige Grund, der mich in dieses elende Sacktal geführt hatte. Bevor die Arbeiten hier abgeschlossen waren, würde es für mich kein Zurück geben. Abwechslung auch nicht.

Man kann sich ja denken, was für Gedanken mir beim Anblick der Kellnerin im Kopf herumgingen. Eigentlich dachte ich fast immer daran. Ich war keine fünfundzwanzig, also im besten Alter, und mit meinem kräftigen Körper kam ich bei den Frauen gar nicht schlecht an. Doch hier am Arsch der Welt, fernab vom städtischen Trubel, war es anders. Alles fühlte sich fremd an, und außer dem Durst würde es wohl nicht viel zu stillen geben.

Das Essen war in Ordnung, währschaft, wie ich es gerne habe. Doch ich aß ohne Appetit. Hunger ist nicht immer der beste Koch. Mir wäre eine Cervelat lieber gewesen. Der kurze Dicke, wie wir die Wurst doppeldeutig im Freundeskreis nannten. Ich erinnere mich, wie nach dem Essen der Hotelier zu mir kam und zwei Gläschen mit einem Selbstgebrannten, den der »Herr Ingenieur« unbedingt probieren müsse, auf den Tisch stellte. Sein Bruder habe einen Brennhafen im Keller stehen und mache einen unverschämt guten Williams. 43-prozentig, samtig in der Kehle, enorm fruchtig im Abgang. Er hob das Glas, er sei der Silvan, stieß mit mir an und trank den Schnaps in einem Zug aus. Ich nahm ebenfalls einen Schluck und hob als Zeichen der Anerkennung den Daumen. Ob’s recht gewesen sei, wollte er wissen, und weil er offenbar gesehen hatte, dass ich mir die Fotos an der Wand angeschaut hatte, begann er, aus alten Zeiten zu erzählen.

Was er genau sagte, habe ich vergessen, es war wahrscheinlich nicht wichtig. Die üblichen Geschichten, die man sich hier oben erzählte und von Generation zu Generation weitergab. Die ersten Bergsteiger, der Pfarrer, der Unterkünfte anbot, und der erste Bergführer, der arme Kerl, der den Fremden das Gepäck die Berge hochschleppen musste und den sie den »starken Mann von Sass« nannten. Das waren Anekdoten, die mich langweilten und die ich nicht wirklich ernst nehmen konnte. Sie bekam ich später noch in vielen Varianten zu hören. Ich weiß nur noch, dass Silvan, wie bei solchen Erzählungen üblich, irgendwann beim Staudamm und der verheißungsvollen Zukunft des Tals landete.

Der Wanderleiter am Nebentisch unterhielt seine Gruppe inzwischen mit Witzen: »Geht ein alter Walliser Jäger nach der Jagd ins Wirtshaus und trifft dort den Dorfdoktor. ›Wissen Sie schon, was ich heute erlegt habe?‹ ›Jaja‹, winkt der Arzt ab, ›war schon bei mir in Behandlung.‹« Der Wanderleiter wieherte los, und die Runde stimmte in sein Gelächter ein. Na ja, der hatte schon einen Bart, als mir meine Mutter noch, wie man auf gut Schweizerdeutsch sagt, den Schnudder von der Nase putzte. Bei den Witzen war die verheißungsvolle Zukunft noch in weiter Ferne.

Genug Geselligkeit. Der Tag hatte mich müde gemacht. Ich trank den Schnaps aus, bedankte mich bei Silvan, erhob mich und zog mich in meine Mönchszelle zurück. Auf dem Nachttisch lagen die beiden Bücher, die mir Seraina kurz vor der Abreise in die Hand gedrückt hatte. Ich war kein Leser, Romane schienen mir nutzlos, außerdem fehlte mir die Zeit, um mich mit Zusammenfantasiertem zu befassen. Das wusste sie, das hatte sie mir schon das eine oder andere Mal vorgehalten. Sie habe sich lange überlegt, was passend wäre. Zuerst habe sie mir etwas Aktuelles mitgeben wollen. Hugo Loetschers Liebeserklärung an seine Großmutter in der Kranzflechterin schien ihr dann aber wegen der Hauptperson doch zu weiblich, und Thomas Bernhards Frost spiele zwar in den Bergen, sei jedoch zu negativ und deprimierend. Deshalb gebe sie ihrem süßen Techniker, wie sie mich nannte, den Gehülfen von Robert Walser mit. Ein Autor, dessen Namen ich vorher noch nie gehört hatte. Das andere Buch sei leer und als Medikament gegen Trübsinn und Weltschmerz gedacht. Wann immer ich die Schwerenot kriege, solle ich es zur Hand nehmen und meine Gedanken hineinschreiben. Das hörte sich wie ein Scherz an, erwies sich aber als Rettung. Denn ohne die vielen Notizen hätte ich dies alles nicht niederschreiben können.

Das war typisch für Seraina. Ihre Worte klangen oft etwas lehrerhaft, auch wegen ihrer Vorliebe für eine gestelzte Sprache. Ich nahm ihr das nicht übel, denn es war lieb gemeint. Ja, Seraina war lieb, und einige Male hatten wir uns auch geliebt, ohne dass wir je wirklich zusammenkamen. Immer wenn sie zu haben gewesen wäre, »dürstete« mein Inneres gerade mal wieder nach Freiheit und Unabhängigkeit. War sie dann aber in einer festen Beziehung, sehnte ich mich umso heftiger nach ihr. Es war echte Freundschaft, wir mochten uns wirklich, sie gefiel mir, aber für die große Liebe schienen wir beide nicht geschaffen. Zudem vermutete ich manchmal, ihre Liebe gelte eher meinem athletischen Körper als mir. Seraina war nicht groß, knapp einen Kopf kleiner als ich. Zierlich. Aber sie war eine, die wusste, was sie wollte. Sie hatte die ersten Jahre in einem Bündner Bergdorf verbracht, zog dann mit ihrer Familie ins Zürcher Limmattal. Nach der Sekundarschule war sie aufs Gymnasium gegangen, studierte Philosophie und unterrichtete nun an einer Berufsschule angehende Coiffeusen in allgemeinbildenden Fächern. Sie war es, die mir mit ihrem »Trau dich! Mach etwas aus dir!« Mut gemacht hatte, einen Schritt weiterzugehen. Gerade jetzt wäre ich gern ihr süßer Techniker gewesen.

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