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Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft

Als Buch hier erhältlich:

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Eine erste Liebe zwischen Festhalten und Vernichten, Aussterben und Weiterleben

Es brennt. In den Wäldern und auf den Screens. Die 15-jährige Era lebt mit ihrer Mutter am Waldrand und versucht dem schleichenden Prozess der Zerstörung etwas entgegenzusetzen, indem sie das Aussterben der Vögel dokumentiert. In einem Stream beobachtet sie ihre Mitschülerin Maja und deren Schwester Merle, die auf der benachbarten Lichtung Festplatten in die Luft jagen. Maja ist die Tochter zweier Momfluencerinnen, die versucht, die Erinnerungen an eine öffentliche Kindheit auszulöschen. Während Era Notizbücher führt, Zeichnungen anfertigt und all das Wissen, auf das sie Zugriff hat, zu ordnen versucht, bildet Maja eine zerstörerische Gegenkraft. Dennoch sind Era und Maja verbunden in ihrer Suche nach Intimität und analogen Reizen. Während die Turteltaube ausstirbt, verlieben die beiden sich ineinander. Aber nicht nur die Vögel sind bedroht: Als ein großflächiger Brand den Wald zerstört, verlieren auch die Mädchen einen bedeutenden Teil ihres Lebensraums.

Souverän und klug überzeugt Sironic mit einer neuen literarischen Stimme.

»Eine wilde, witzige, weise Expedition in unsere Zukunft.« Julia von Lucadou, Autorin von »Die Hochhausspringerin«


  • Erscheinungstag: 25.03.2025
  • Seitenanzahl: 208
  • ISBN/Artikelnummer: 9783753001081
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Fiona Sironic

Am Samstag gehen die
Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft

Roman

Ecco

Anything not saved will be lost.

5: Vorletzter Frühling

Turteltauben

Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft. Pappbecher, Aludosen, Plastikflaschen. Die Luft ist warm. Der Wald ist mit Kiefern. Man kann den Dreck an ihren weißen Sohlen sehen. Sie tragen die neuesten Sneakers. Sie tragen dunkle Tücher vor dem Mund. Sie haben lange braune Haare und verpixeln ihre Augen. Eine ist groß, so groß wie ich vielleicht, eine ist klein, so klein, trotzdem zündet sie die Lunten an. Niemand spricht. Die Große leitet an. Beide schauen zur Begrüßung immer in die Kamera und nicken. Dann graben sie ein Loch, werfen was rein, füllen es auf, zünden an, rennen weg, aber nur so weit, dass sie nicht mehr im Bild sind, BUMM! Und kommen dann wieder und schauen sich lachend um, wie es den gesprengten Gegenständen geht. Die Große hat eine Strahlkraft. Ich weiß noch, ich war anfangs verwirrt davon, bis es dann so lange da war, dass ich es einordnen musste. Ein Crush. Ein Begehren. Es ist schon da, als ich nur die Streams kenne. Ein Flirren in den Organen. Ich weiß sogar, dass sie eigentlich Maja heißt. Die Kleine heißt Merle. Der Kanal heißt FOAMO. Der Name ist ein Kofferwort aus dem Akronym Fomo und dem englischen Wort Foam; es kreuzt also die Angst zu verpassen mit dem Schaum. Ich verfolge den Stream seit einer Weile und weiß zu Beginn der Geschichte noch nicht so genau, warum.

Ich sitze zu der Zeit viel in meinem Kinderzimmer, auf dem Bürostuhl, so einem aus Netzstoff, der über meinen Nacken hochgeht, an meinem Rücken klebt. Die Hütte, die ich zusammen mit Mama bewohne, ist voll mit diesen netzbasierten Möbeln, Sesseln und Betten, deren Härte man an Gewinden einstellen kann. Neben der Technik sind sie die einzigen Teile, die Mama neu gekauft hat. Ihr Rücken beugt sich da schon ein bisschen, das macht ihr zu schaffen. Ich minimiere den Livestream, um in den anderen Spalten der Desktop-App Hydraulikpressen zu sehen, die z. B. Seife oder Badeenten zerstören. Notification ploppt auf: Gestern starb die vermeintlich letzte Turteltaube in Gefangenschaft. Es war an der Zeit. Ich hole aus meinem Schrank das Buch, in dem ich die ausgestorbenen Tiere abspeichere, klebe, hefte: jedes eine Doppelseite, alles, was mir dazu in die Finger fällt, Platzhalterbilder, kleine Steckbriefe:

Die Turteltaube (Streptopelia turtur) war ein mittelgroßer Vogel aus der zentralen Paläarktis. Sie wurde zeitlebens gehypt als Symbolbild normativer Beziehungsmodelle und unpassender Anthropomorphisierungen. Dafür konnte sie nichts, rest in power.

BUMM! In einem der Tabs zerquetscht eine Hydraulikpresse eine volle CD-Spindel. Ich schließe das Tierbuch.

Das Kinderzimmer: klein, großer Bildschirm, Jalousien unten, dunkles Holz, aus dem die Hütte besteht, und dann halt der Schreibtisch, der hier noch Kinderzimmer ist, also ein Chaos: solche Massen an Washi-Tape, an unterschiedlichen Stiften und Farben, Flaschen voller Klebstoff; es riecht so. Aus den Massen erhebt sich der Bildschirm, vor dem ein Mikrofasertuch liegt, mit dem ich den Staub von Nasen wische, die über meinen Bildschirm laufen.

Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft. Auf ihrem Kanal machen sie das. Auf einem Zweitkanal liegt ein Fotobook irgendwo der Witterung ausgesetzt, und man kann via Stream zusehen, wie es jeden Tag ein bisschen mehr verlottert, Schicht um Schicht abgetragen wird. Die privaten Streams sind nicht populär, zumindest sind die Views nicht so hoch. Sie sind eine Art Überbleibsel. Mama sagt manchmal, die privaten Streams erinnern sie an das alte Internet, das sie gerade noch so miterlebt hat, das vor den Konzernen kam und seinen Bewohner*innen ein wohliges Versprechen gab. In dem die Möglichkeit öffentlicher Äußerungen noch keine Aufstiegsfantasien barg, sondern eine anarchische Freude am nichtkommerziellen Netzwerken. Vor den Trollen war das. Sie sagt, durch die Fragmentierung der medialen Welten hätten wir ein Stück dieser Anarchie zurückbekommen. Man müsse nur aufmerksam bleiben. Die Reste der spätkapitalistischen Influencerkulturen würden noch die Wege verkleben.

Auf dem Dach der Hütte, die Mama und ich bewohnen, befindet sich eine Anlage zur Aufbereitung von Regenwasser, die unsere hauptsächliche Wasserversorgung darstellt, weswegen Mama dosiert. Ich stehe manchmal lange vor dem vollgelaufenen Waschbecken und schaue winzigen Seifenblasen beim Platzen zu, während auf einem Bildschirm in der näheren Umgebung der Stream läuft. FOAMO. Ich tauche zum Haarewaschen ab, sodass die Ohren im Schaum liegen. Es knistert. Es knallt. Es knallt auf kleinste Art und Weise. Im Hintergrund rascheln die FOAMO-Schwestern beim Aufbau einer Großexplosion.

Als ich den Stream das erste Mal verfolgt habe, starb gerade der letzte Kakapo, ein Bodenbrüter. Er war schon lange vom Aussterben bedroht, war flugunfähig und hatte einen schlechten Orientierungssinn, sodass er, einmal zur Futtersuche aufgebrochen, oft sein Nest nicht wiederfand; das Ei erfror.

Es gab einen seltsamen Nachhall. Es gibt diesen seltsamen Nachhall an jedem Samstag. Ein Knall. Ein Echo: Ich höre einen zweiten, kleineren Knall. Am Anfang hielt ich es für einen Fehler der Tonaufnahme. Eine Dopplung der Spur.

Autor