Sieh nur, Zacharel! Sieh, wie hoch ich fliege.“
„Du machst das so gut, Hadrenial. Ich bin stolz auf dich.“
„Glaubst du, ich kann einen Salto machen, ohne runterzufallen?“
„Natürlich kannst du das. Du kannst alles.“
Ein Lachen wie süßer Glockenklang, das über den Himmel hallt. „Aber ich bin schon dreimal gefallen.“
„Was bedeutet, dass du jetzt weißt, was du nicht tun solltest.“
„Sir? Eure große und mächtige Hoheit? Hört Ihr mir zu?“
Die männliche Stimme holte Zacharel aus der Vergangenheit, fort von dem einzigen strahlenden Licht in seinem ansonsten düsteren Leben, katapultierte ihn direkt zurück in die Gegenwart. Mit einem kurzen Blick erkannte er Thane, den selbsternannten Vizebefehlshaber seiner Armee von Engeln. Eine Ernennung, der er nicht widersprochen hatte, trotz des Benehmens, das der Krieger an den Tag legte. Denn Tatsache war: Thane war noch der Beste aus dem Haufen.
Was nicht viel hieß. Jeder Engel in dieser Armee hatte die Gottheit, ihren obersten Herrscher, über die Grenzen ihrer Geduld getrieben. Jeder von ihnen hatte so viele Regeln gebrochen, so viele Gesetze der Gottheit umgangen – es war ein Wunder, dass sie immer noch ihre Flügel hatten. Und ein noch größeres Wunder, dass Zacharel es schon so lange schaffte, sie zu tolerieren.
Er räusperte sich. „Ich höre zu, ja.“ Jetzt.
„Ich bitte untertänigst um Verzeihung, sollte ich Euch gelangweilt haben“, erklang die schnippische Entgegnung.
„Akzeptiert.“
Ein Knacken mit dem Kiefer, als der Engel begriff, dass die Beleidigung an Zacharel abgeprallt war. „Ich habe gefragt, ob Ihr bereit seid, den Angriff zu befehlen.“
„Noch nicht.“
„Ich bin kampfbegierig, Majestät. Das sind wir alle.“
„Ich habe dir schon einmal befohlen, mich nicht mit diesem Titel anzusprechen. Was deine Frage angeht: Ihr werdet wie befohlen warten. Ihr alle.“ Ungehorsam bedeutete Strafe – ein Konzept, mit dem Zacharel mittlerweile eng vertraut war.
Begonnen hatte es ein paar kurze Monate zuvor, als er in den Tempel der Gottheit gerufen worden war, diese heilige Zuflucht, die nur so wenige Engel besuchen durften. Seit dieser unerwarteten Begegnung rieselten Schneeflocken aus dem Gefieder seiner Flügel, ein unaufhörlicher Blizzard und Zeichen des kalten Missfallens seiner Gottheit. Und die Worte der Gottheit, so sanft sie auch gesprochen worden waren, hatten ebenso beißende Kälte ausgestrahlt wie der Schnee. Augenscheinlich hatte Zacharels „schwerwiegende Emotionslosigkeit“ dafür gesorgt, dass er „Kollateralschäden“ während seiner Kämpfe mit Dämonen ignoriert hatte. In mehreren Fällen, so hatte ihm die Gottheit vorgeworfen, hatte Zacharel zugelassen, dass Menschen – die Wesen, für deren Schutz Engel um jeden Preis kämpfen sollten – verletzt oder sogar getötet wurden. Hatte sich entschieden, das Leben seines Gegners zu beenden, statt die angeblich Unschuldigen um ihn herum zu beschützen. Und natürlich war ein solches Verhalten „inakzeptabel“.
Er hatte sich entschuldigt, obwohl er keine Reue über sein Handeln empfand – nur darüber, dass er das eine Wesen erzürnt hatte, das die Macht besaß, sein Dasein zu beenden. Wenn er es ehrlich betrachtete, verstand er nicht, welchen Reiz – oder Nutzen – Menschen haben sollten. Sie waren schwach und hinfällig und behaupteten, alles, was sie täten, geschähe aus Liebe.
„Liebe.“ Zacharel zog abfällig die Mundwinkel nach unten. Als hätten bloße Sterbliche auch nur die geringste Ahnung von selbstloser, lebensspendender Liebe. Damit kannte sich nicht einmal Zacharel aus. Hadrenial hatte sie verstanden – aber über ihn würde Zacharel nicht weiter nachdenken.
Ich sollte dir die Flügel und die Unsterblichkeit nehmen und dich auf die Erde verbannen, wo du die Dämonen, die unter uns leben, nicht sehen könntest. Wenn du sie nicht sehen kannst, kannst du sie auch nicht bekämpfen, wie du es gewohnt bist. Wenn du sie nicht bekämpfen kannst, kannst du auch die Menschen um sie herum nicht töten. Ist es das, was du willst, Zacharel? Unter den Gefallenen leben und das Leben betrauern, das du einst besessen hast?
Nein, das wollte er ganz und gar nicht. Zacharel lebte dafür, Dämonen zu töten. Wenn er sie nicht sehen und gegen sie kämpfen könnte, wäre er tot besser dran. Wieder hatte er seiner Reue Ausdruck verliehen.
Für dieses Verbrechen hast du dich bereits viele Male in der Vergangenheit vor dem Himmlischen Hohen Rat entschuldigt, Zacharel, und doch hast du dein Verhalten nie geändert. Trotz deiner vielen Missetaten haben meine getreuen Ratgeber lange Zeit empfohlen, Milde walten zu lassen. Sie glaubten – hofften –, nach allem, was du durchlitten hast, würdest du mit der Zeit deinen Weg finden. Doch wieder und wieder hast du es unterlassen, dem Rat Gehör zu schenken, und nun kann ich deine Verfehlungen nicht länger ignorieren. Als Oberhaupt des Rats muss ich eingreifen, denn auch ich muss mich vor einer höheren Macht verantworten – und deine Taten werfen ein schlechtes Licht auf mich.
In diesem Augenblick hatte Zacharel gewusst, dass er sich diesmal nicht würde herausreden können. Und er hatte recht gehabt.
Worte kommen so leicht über die Lippen, wie du bewiesen hast, hatte seine Gottheit ausgeführt, aber so selten folgen ihnen die entsprechenden Taten. Von jetzt an wirst du die Manifestation meiner Unzufriedenheit mit dir tragen und diesen Tag niemals vergessen.
„Wie du wünschst“, hatte er erwidert.
Er hatte seiner Gottheit gedankt für diese Chance, es besser zu machen, und er hatte es auch so gemeint – bis zu seiner nächsten Schlacht. Gnadenlos, ohne auch nur darüber nachzudenken, hatte er zahllose Menschen verletzt und getötet – denn sie hatten Ivar verletzt und getötet, ein Mitglied der Elite der Sieben seiner Gottheit. Einen unvorstellbar starken und fähigen Krieger.
Dass Zacharel im Namen der Rache gehandelt hatte, war irrelevant gewesen – es hatte ihm sogar mehr geschadet. In einer solchen Situation lag die Entscheidung beim Höchsten, und da Er die höhere Macht war, vor der seine Gottheit sich zu verantworten hatte, war Sein Wort Gesetz. Zacharel hätte Geduld wahren müssen.
Am folgenden Tag hatte die Gottheit ihn erneut zu sich gerufen.
Er hatte gehofft, er würde trotz seiner Taten als neuer Elitekrieger berufen, doch stattdessen hatte er erfahren, dass eine weitere Strafe auf ihn wartete. „Schlimmeres“, hatte er begriffen, war genau das.
Ein Jahr lang würde Zacharel eine Armee von Engeln befehligen, die genau wie er waren. Diejenigen, die niemand sonst unter seinem Kommando haben wollte. Die Rebellischen. Die Gefolterten. Seine Aufgabe: Ihnen den Respekt beizubringen – ihrer Gottheit gegenüber, der Heiligkeit menschlichen Lebens gegenüber –, den er selbst vermissen ließ. Und er allein würde die Konsequenzen für ihr Handeln tragen.
Wenn einer seiner Engel einen Menschen tötete, würde Zacharel ausgepeitscht.
Das war bereits achtmal geschehen.
Wenn am Ende dieses Jahres Zacharels gute Taten die schlechten überwögen, dürften er und all seine Engel im Himmel bleiben. Überwögen hingegen die schlechten Taten, würden er und all seine Engel ihre Flügel verlieren.
Hier waren sie nun also, Zacharel und seine Armee, und mussten Aufgaben weit unter ihren Fähigkeiten erledigen. Zum größten Teil bedeutete das, besessene Menschen irgendwie von ihren Dämonen zu befreien oder anderen zu helfen, die unter deren moralischem Einfluss standen. Ab und zu kam noch die eine oder andere unbedeutende Schlacht hinzu.
Heute Abend traten sie ihre neunzehnte Mission an – aber erst ihre dritte Schlacht. Bisher hatte jede schlimmer geendet als die davor. Egal womit er drohte, die Engel schienen größtes Vergnügen daran zu haben, seine Befehle zu ignorieren. Sie zeigten ihm den Mittelfinger. Sie beschimpften ihn. Sie lachten ihm ins Gesicht.
Er verstand sie nicht. Für sie war dieses Jahr genauso die letzte Chance wie für ihn. Sie hatten ebenso viel zu verlieren. Sollten sie nicht brav mitspielen?
„Jetzt?“, fragte Thane ungeduldig mit seiner Stimme aus mehr Rauch als Substanz. Vor langer, langer Zeit war ihm die Kehle durchgeschnitten worden – und dann wieder und wieder, bis sich ein Halsband aus Narben gebildet hatte, das er bis in alle Ewigkeit tragen würde.
„Noch nicht. Ich meine es ernst.“
„Wenn Ihr nicht bald zum Angriff ruft …“
Würden sie auch ohne seinen Befehl losstürmen.
„Interessiert es denn niemanden, dass Ungehorsam bedeutet, meinen Zorn auf sich zu ziehen?“, knurrte er. Konzentriert blickte er hinab auf die Einrichtung für geistesgestörte Straftäter des Moffat County, die tief in den Bergen von Colorado versteckt lag. Das Gebäude war hoch und breit, umzäunt von unter Hochspannung stehendem Stacheldraht und bewacht von Bewaffneten, die sowohl am Zaun als auch über das Gelände patrouillierten. Flutlichter erhellten auch den letzten Winkel, löschten jeden Schatten aus.
Wie die menschlichen Wachen waren auch die Dämonen nicht in der Lage, die Bedrohung wahrzunehmen, die sie umzingelte. Die zwanzig Soldaten unter Zacharels Kommando blieben ihnen verborgen. Ihre Flügel, normalerweise weiß mit Gold durchwirkt, waren im Augenblick von einem sterngespickten tiefen Schwarz, ein Spiegelbild des Nachthimmels. Für diese mühelose Verwandlung brauchte es nur einen schlichten geistigen Befehl. Zudem hatten ihre Engelsgewänder die Form von Hemden und Hosen angenommen, die sich wie angegossen um ihre muskulösen Leiber schmiegten, schwarz und perfekt für den Kampf.
„Warum sollten Dämonen gerade diesen Ort heimsuchen?“, fragte Zacharel laut. Offenbar taten sie das schon seit Jahren. Mehrere andere Armeen waren bereits gegen sie ausgesandt worden, aber ohne echten Erfolg. Sobald eine Horde Dämonen ausgelöscht war, tauchte gleich die nächste auf.
Es gab nur zwei Gründe, aus denen keine andere Armee den Grund herauszufinden versucht hatte. Entweder es war ihnen nicht in den Sinn gekommen, den Menschen im Inneren dieses Gebäudes zu helfen. Oder ihr Job war einfach mit der Schlacht zu Ende gewesen. So oder so – Zacharel würde nicht denselben Fehler begehen. Das konnte er nicht.
Thane mit seinem goldenen Haar, das sich unschuldig um ein auf seltsame Weise mehr teuflisches als engelhaftes Antlitz lockte, warf ihm einen frevlerischen Blick aus seinen saphirfarbenen Augen zu. Dieser Kontrast zwischen Unschuld und Fleischeslust konnte hypnotisierend sein. Hatte Zacharel jedenfalls gehört. Menschliche wie unsterbliche Frauen warfen sich Thane ohne Unterlass an den Hals – und er machte kein Geheimnis um seine sexuellen Begierden, wenn er sich denen offenbarte, die nicht wissen sollten, dass er da war. Vor allem, weil seine Begierden mit der Gefahr spielten … mit den äußersten Grenzen dessen, was akzeptabel war.
Wenn man so lange lebte wie die Engel, vor allem, wenn man diese Jahre im Krieg verbrachte, dann lernte man die wahre Bedeutung von Schmerz kennen. Ebenso lernte man, in jedem Vergnügen Zuflucht zu suchen, das man finden konnte.
Xerxes und Björn, genauso stark und gerissen wie Thane, waren ebenfalls gefangen und gefoltert worden. Seitdem waren die drei unzertrennlich, verbunden durch die Qual und das Entsetzen des gemeinsam Erlebten. Seelisch entstellt, ja, auch das – wie ihr Platz in den Reihen von Zacharels Armee bewies –, aber eben trotzdem verbunden.
„Das Böse sucht die Nähe zum Bösen, immer auf der Jagd nach Zerstörung“, meinte Thane in einem Anflug von Weisheit anstelle seiner vorherigen Respektlosigkeit. „Vielleicht hat sie jemand im Inneren gerufen.“
Vielleicht. Wenn das stimmte, brachte ihn dieser Auftrag in ein Dilemma. Das Rufen von Dämonen war streng verboten, ein Verbrechen, das ausschließlich mit dem Tod bestraft wurde. Und dieser Tod wäre kein Kollateralschaden, sondern Absicht. Trotzdem war Zacharel sich nicht sicher, wie seine Gottheit auf eine solche Hinrichtung reagieren würde.
Menschen, dachte er und schüttelte angewidert den Kopf. Nichts als Ärger. Sie hatten keine Ahnung von den dunklen Mächten, mit denen sie spielten. Mächte, die anfangs aufregend scheinen mochten, letzten Endes aber ihre Menschlichkeit bis auf die Grundfesten niederbrennen würden.
„Keiner der Dämonen ist tatsächlich in das Gebäude eingedrungen“, sinnierte er. „Ich frage mich, aus welchem Grund.“
Thane neigte den Kopf zur Seite und betrachtete die Dämonen noch intensiver. „Das hatte ich noch nicht bemerkt, aber jetzt sehe ich es auch. Majestät.“
Keine Reaktion. „Nimm einen der Dämonen gefangen und bring ihn zu meiner Wolke, damit ich ihn verhören kann.“
Keine Reaktion. „Ja. Auf mein Signal hin darf die Armee angreifen. Aber sorg dafür, dass Björn den wildesten Dämon, den er finden kann, auf das Dach der Einrichtung bringt. Schnell.“ Er hätte den Befehl direkt in die Köpfe seiner Soldaten projizieren können – hätte es tun sollen –, wie alle Befehlshaber es konnten. Doch auf diese Weise hätte er auch ihre Stimmen in seinem Kopf willkommen geheißen, und das war eine Intimität, die er nicht gestatten würde.
Mit einem genießerischen Lächeln enthüllte Thane zwei Reihen gerader, weißer Zähne. „Schon erledigt.“
Bevor Thane verschwinden konnte, fügte Zacharel hinzu: „Ich bin mir sicher, ich muss dich nicht daran erinnern, dass bei dieser Schlacht keinem Menschen Schaden zugefügt werden darf. Wenn du einen Dämon am Leben lassen musst, um ein menschliches Leben zu retten, tu es. Sorg dafür, dass die anderen das ebenfalls wissen.“
Anfangs war es ihm egal gewesen, wenn seine Männer sich entschieden hatten, einen Menschen zu töten, um an einen Dämon heranzukommen. Nach seiner dritten Auspeitschung für ein Verbrechen, das er nicht begangen hatte, war es ihm nicht mehr ganz so egal.
Eine Sekunde Stille, zwei. Dann: „Ja, natürlich, Anführer der Überaus Unwürdigen.“ Mit diesem letzten Seitenhieb verschwand Thane in einem Wirbelwind von Bewegung, um die anderen zu informieren, die um das Gebäude kreisten.
So viel zum Thema Warten auf Zacharels Signal. Damit würde er sich später befassen müssen.
Auch wenn er es genossen hätte, an der Seite seiner Männer die Dämonen zu vernichten, wartete er ab. Heute Nacht suchte er nach fetterer Beute. Bald entdeckte er einen Durchlass im Schlachtengetümmel und glitt hinab … hinab … und landete anmutig auf dem flachen Dach.
„Der wilde Dämon, wie verlangt, oh prächtiger König“, ertönte neben ihm eine vertraute Stimme. „Schnell.“
Ein riesiges Ungeheuer plumpste Zacharel leblos vor die Füße. Gifttropfen geronnen an den Spitzen seiner Krallen. Riesige Hörner traten aus seinen Schultern hervor und Streifen von Fell und Schuppen formten ein spiralförmiges Muster um seine Beine.
Es gab nur ein Problem. Der Dämon hatte keinen Kopf.
„Dieser Dämon ist dahingeschieden“, bemerkte er.
Nur eine winzige Pause, dann erwiderte Björn: „Was das angeht, wart Ihr nicht weise genug, eine Präferenz anzugeben.“
„Wohl wahr.“ Er hätte es definitiv besser wissen müssen.
Björn schwebte auf Augenhöhe mit Zacharel neben dem Gebäude. „Soll ich Euch einen anderen bringen oder gedenkt Ihr, mich für Euren Fehler zu maßregeln, glorreicher König?“ In den Worten schwang ein bitterer Klang mit.
Björn war ein Tier von einem Mann mit tiefbrauner, golddurchzogener Haut und Augen, die in allen Schattierungen von Lila, Pink, Blau und Grün glitzerten. Ein überraschender Kontrast.
Kurz nach seiner Rettung aus den brutalen Fängen der Dämonen – und seinem nachfolgenden Amoklauf durch das Himmelreich, bei dem niemand vor seinem alles vernichtenden Zorn sicher gewesen war – hatte der Himmlische Hohe Rat Björn für instabil und dienstunfähig befunden. Ein Sündenfall war ihnen als zu leichte Strafe erschienen. Stattdessen war er zu einem Wahrhaftigen Tod verurteilt worden, bei dem sein Geist – seine Lebenskraft, seine Seele, die Verkörperung all seiner Emotionen – und sein Leib vollkommen ausgelöscht werden sollten.
Widerwillig hatte der Rat sich einverstanden erklärt. Bei der Masse von Dämonen, die in diesen Tagen die Welt plagten, waren Krieger von ihrem Kaliber heiß gefragt. Trotzdem bezweifelte Zacharel, dass eine solche Drohung auch ein zweites Mal Wirkung zeigen würde.
„Es wird keine Maßregelung geben“, sagte er, und Björn blinzelte überrascht.
In diesem Moment erspähte Zacharel den Naga-Dämon, der gerade versuchte, sich unbemerkt über die Brüstung zu schlängeln. Nagas besaßen den Oberkörper eines Menschen und den Rumpf einer Klapperschlange und waren gefährlicher als beides zusammen.
Zacharel beugte sich vor, packte den dicken, rasselnden Schwanz und riss daran. Der Naga schnellte herum, die Zähne gefletscht und die Arme erhoben, um anzugreifen, wer auch immer es gewagt hatte, ihn aufzuhalten. Zacharel hielt ihn fest am Schwanz gepackt und wand ihn sich der Länge nach um den Unterarm, während er mit der freien Hand den Dämon am Hals packte. Dann drückte er zu.
Blutrote Augen weiteten sich vor Furcht und klauenbewerte Finger schlugen nach ihm. „Nicht Zzzacharel, jeder ausssser Zzzacharel! Ich verssschwinde, ich verssschwinde, ich versssprech’ssss.“
Endlich Respekt vor seiner Autorität.
„Dieser hier wird genügen“, beschied er Björn. „Du darfst dich wieder deinen Pflichten widmen.“
Mit tiefem Erstaunen im Blick beugte der Engel den Kopf. Dann stürzte er sich wieder in die Schlacht.
„Bitte! Ich verssschwinde!“
Als hätte er vollkommen vergessen, wer ihn da festhielt, seufzte der Naga selig auf und streckte die Hände zur Decke aus. „Zzzeit für meinen Ssspassss …“
Schwungvoll schleuderte Zacharel den Dämon quer über die frisch polierten Fliesen. Zahlreiche Sicherheitsleute patrouillierten und der Empfangsbereich war von mehreren menschlichen Frauen besetzt, doch kein Einziger bemerkte die Eindringlinge mitten unter ihnen.
Flink schlängelte der Naga sich die Wand hinauf, tauchte ungehindert durch die Decke und verschwand aus Zacharels Blickfeld. Die Verfolgung erwies sich als Kinderspiel. Von Stockwerk zu Stockwerk bewegte sich Zacharel, immer bloß einen Schritt hinter dem Dämon. Schließlich hielt der Naga in seinem Aufstieg inne und schoss geradewegs in einen der Räume im vierzehnten Stockwerk.
Im Inneren waren die Wände mit schwarzen Polstern bedeckt. Es gab keine Fenster. Ein einsamer Luftschacht an der Decke brachte die einzige Luftbewegung – und zwar in eisiger Temperatur. Der Raum war leer, bis auf ein einziges Möbelstück. Eine Krankenhaustrage mit … einer jungen Frau, die darauf festgebunden war.
Plötzlich war jeder Muskel in seinem Körper angespannt. Einen Moment lang drohte die Vergangenheit sich aufzubäumen und ihn zu verschlingen.
„Töte mich, Zacharel. Du musst mich töten. Bitte.“
Auf den ersten Blick schien die Frau zu schlafen. Doch dann rollte ihr Kopf zur Seite, all ihre Aufmerksamkeit anscheinend auf den Dämon fixiert, den sie nicht hätte sehen dürfen. Plötzlich gingen Entsetzen, Zorn und Angst in Wellen von ihr aus.
Hatte sie, eine bloße Sterbliche, den Naga auf irgendeine Weise gespürt?
Zacharel betrachtete sie eingehender. Unter einem papierdünnen Nachthemd, das schmutzig und zerrissen war, zitterte ihr schlanker Körper. Langes Haar lag zerzaust um ein zartes Gesicht, die Strähnen so schwarz, dass sie schon fast in einem atemberaubenden Mitternachtsblau schimmerten. Dunkle Schatten zeichneten die durchscheinende Haut unter ihren Augen und ihre Wangen waren eingefallener, als sie sein sollten. Ganz zu schweigen davon, dass sie von grausamen Blutergüssen und Kratzern überzogen waren. Ihre Lippen waren rot und spröde. Ihre Augen waren eisblau, und in ihren Tiefen sah er einen niemals endenden Sturm des Leids toben, den zu ertragen kein Mensch die Kraft besaß.
Nein, diese Augen gehörten keiner Sterblichen, wurde ihm klar. Sie gehörten der Gemahlin eines Dämons.
Irgendwo da draußen gab es einen Hohen Herrn der Dämonen – die gefährlichsten unter all den Ausgeburten der Hölle –, der diese Menschenfrau als sein alleiniges Eigentum betrachtete. Sein, um sie zu besitzen, sie zu foltern … sie auf jedwede Art zu genießen, nach der es ihn verlangte. Der Dämon hatte ihre Augen vergiftet, hatte sie gezeichnet und gleichzeitig dafür gesorgt, dass sie in die Geisterwelt blicken konnte, die parallel zur Ebene der Sterblichen existierte. Seine Welt. Und mit dieser Tat hatte er auch andere Dämonen auf sie aufmerksam gemacht.
Sie musste eine willige Partnerin gewesen sein, denn dazu konnten Menschen nicht gezwungen werden. Verführt, ja. Betrogen, absolut. Begierig, mit den dunklen Künsten herumzuspielen, zweifellos. Aber niemals gezwungen.
Warum hatte er sie also nicht einfach umgebracht, um sein Verbrechen zu vertuschen? Verbindungen zwischen Dämonen und Sterblichen waren bei Todesstrafe verboten. Und die Strafe würde über Dämon und Mensch ausgesprochen. Nicht dass Zacharel oder einer seiner Männer die hier töten würden. Das stand immer noch nicht auf dem Tagesprogramm. Es würde keinen Kollateralschaden geben.
„Bleib weg von mir“, sagte sie und schreckte Zacharel aus seinen Gedanken auf. Ihre Stimme klang rau, vielleicht durch Medikamente, vielleicht durch Überanstrengung. Oder war das ihr natürliches Timbre? „Mich willst du nicht zur Feindin haben.“
Für jemanden, der sich entschlossen hatte, sein Leben an das eines Dämons zu binden, schien sie nicht besonders zufrieden mit dem Ergebnis zu sein. Er hätte wetten mögen, dass sie verführt oder hereingelegt worden war und es jetzt bereute.
So selten fanden diese Menschen zur Vernunft, bevor es zu spät war. Dabei musste es nicht so sein.
„Wenn du noch einen Schritt näher kommst, tu ich dir weh.“ Offensichtlich hatte sie japanische Wurzeln, doch in ihren Worten schwang nicht die Spur eines Akzents mit – was den Klang ihrer Stimme nur umso exotischer machte. Weich und melodiös, der perfekte Gegensatz zu ihren klaren Gesichtszügen.
„Tu mir weh, Weib. Bitte, tu esss …“ Mit tödlich rasselndem Schwanz glitt der Naga um das Bett herum. Zwischen seinen Fangzähnen züngelte seine gespaltene Zunge hervor. „Dasss gefällt mir – vor jedem Sssnack.“
Der Lakai wollte sie nicht um ihretwillen, sondern weil die Kreaturen der Unterwelt nichts lieber mochten, als ihre Brüder zu bestehlen. Stoff zum Prahlen war Gold wert, genau wie das daraus entstehende Überlegenheitsgefühl. Na ja, deshalb und weil es jeden Dämon erregte, jemandem Schaden zuzufügen, dessen Schutz die Eine Wahre Gottheit befohlen hatte.
Eine interessante Antwort. Das war mehr als bloße Reue.
Auf die tapferen Worte erntete sie ein erwartungsvolles Fauchen. „Du lügssst, du lügssst, und dasss macht sssolchen Ssspassss. Kössstlich.“
„Ich mein’s todernst. Du glaubst wirklich, eine Kleinigkeit wie Fesseln könnte mich davon abhalten, dir wehzutun? Dein Hirnschaden ist ja noch größer, als ich dachte. Und nur so zur Info: Ich hatte deinen IQ schon im einstelligen Bereich angesetzt.“
Hilfesuchend blickte sie sich um. Auch wenn sie den Naga sehen konnte, Zacharel war für sie unsichtbar. Das war für ihn nicht wirklich überraschend – wenn er nicht wahrgenommen werden wollte, konnte das auch niemand, weder Dämonen noch Gemahle von Dämonen, nicht einmal andere Engel.
Neugierig auf ihre Reaktion, materialisierte er sich in seiner natürlichen Gestalt und erschuf gleichzeitig ein flammendes Schwert aus der bloßen Luft. Ohne den Blick auch nur einmal von der Frau abzuwenden, schwang er die Klinge, köpfte den Dämon und beendete so seine elende Existenz. Ja, so einfach war es für ihn, zu töten. Er ließ die Flammen verschwinden.
„Was – wie …“ Ihre kristallenen Augen weiteten sich, als ihr Blick auf ihn fiel. Ihre Zähne begannen zu klappern. „I-Ist das ein Traum? Die Medikamente … Das muss eine Halluzination sein. Oder vielleicht ein Traum. Ja, das ergibt Sinn.“
„Das tut es nicht, denn du träumst nicht.“
„Bist du dir sicher? Du siehst aus wie dieser Prinz, den ich mal … Ach, egal.“
Den sie mal … was? „Ich bin mir sicher.“
„Dann … W-wer bist du? Was bist du? Wie bist du hier hereingekommen?“
„Was bist du?“, fragte die Frau erneut. „Bist du hier, um mich zu töten?“
„Töte mich, Zacharel. Du musst mich töten. Bitte. Ich kann so nicht mehr leben. Es ist zu viel, zu schwer. Bitte!“
Wieder drohte die Vergangenheit ihn zu überrollen. Wieder fegte er seinen Geist leer. Obwohl er der Frau keinerlei Erklärung schuldig war, obwohl sie die Gemahlin eines Dämons und in keiner Weise vertrauenswürdig war, hörte er sich sagen: „Ich werde dich nicht töten. Ich bin ein Engel.“
Wie bei allen Engeln der Gottheit schwang auch in seiner Stimme ein überwältigender Klang der Wahrheit mit. Und ganz typisch für ihre Art zuckte sie bei dieser Reinheit zusammen, doch sie zweifelte sie nicht an. Das konnte sie nicht.
Hektisch blinzelte sie und sagte dann: „Ein Engel. So in der Art von ‚ein Engel aus dem Himmel, Verteidiger von allem, was gut und rechtschaffen ist‘?“
Vielleicht konnte sie es doch. Ihr Ton war spöttisch gewesen. Doch es war interessant, dass sie ihn nicht mit denselben Hasstiraden überschüttete wie den Dämon. Als Gemahlin eines Hohen Herrn sollte sie Zacharel mehr als jeden anderen verabscheuen. Dass sie es nicht tat … Definitiv hereingelegt.
„Und?“
„Ja, ich komme aus dem Himmelreich, auch wenn ich vermutlich nicht die Art Engel bin, mit der du vertraut bist.“ Zacharel streckte die Flügel. Noch immer rieselten Schneeflocken um ihn herum, doch hier schmolzen sie nicht, wenn sie auf dem Fußboden landeten. In dem kleinen Raum war es schlicht zu kalt dazu. Seine Federn hatten wieder ihr natürliches Perlweiß angenommen, durchzogen von schimmerndem Gold. Er runzelte die Stirn, als er bemerkte, dass das Gold dichter war als je zuvor.
Doch es musste eine andere Erklärung dafür geben, denn sosehr er das auch gehofft hatte, so hatte seine Gottheit ihm gegenüber doch nichts von einem Aufstieg in die Elite der Sieben erwähnt. Und er war wohl kaum in der Position, für eine Beförderung in Erwägung gezogen zu werden, wo er gerade darum kämpfen musste, erst einmal seinen jetzigen Platz im Himmel zu behalten.
„Es gibt mehr als eine Art?“, fragte sie, nachdem sie ihn von oben bis unten gemustert hatte. „Egal. Nimm’s mir nicht übel, aber du siehst nicht gerade … nett aus. Und ich meine nicht deinen Sexappeal.“
„Nein. Ich bin nicht nett.“ Die Menschen malten sich Engel gern als sanfte, kuschlige Wesen aus, die im Sonnenschein herumtollten, Rosen zum Blühen brachten und Regenbögen an den Himmel malten. Er wusste das. Und manche Engel waren so, aber viele eben auch nicht.
„Also, was kann ich für dich tun, Mr Gemeinheit in Person?“
Er hätte sich nicht von seiner Neugier verleiten lassen sollen. Hätte sich nicht auf dieses Gesprächsthema einlassen sollen.
Das würde jetzt ein Ende nehmen. „Genug, Mensch. Du hast dir schon mehr Ärger eingehandelt, als du im Augenblick wieder loswerden kannst. Ich würde dir nicht raten, noch mehr zu suchen.“
„Wer hätte das gedacht?“, entgegnete sie mit einem freudlosen Lachen. Mit ihrer rosafarbenen Zungenspitze fuhr sie sich über die Lippen. „Endlich haben die Ärzte mal recht. Ich hab Halluzinationen. Bloß in meinem verdrehten Hirn würde ein Engel jemanden so mies behandeln.“
„Ich habe dich nicht mies behandelt, und du hast keine Halluzinationen.“
„Dann beeinflussen die Medikamente mein Hirn“, beharrte sie.
„Aber hierher kommt nur das Böse.“
„Wieder falsch.“
„Ich … ich … Okay, ich tu mal so, als ob. Ich meine, wieso nicht. Lass uns sagen, du bist real …“
„Das bin ich.“
„…und einer von den Guten, denn du bist nicht hier, um mich umzubringen. Bist du hier, um mich … zu befreien?“
So süß war das Zögern in ihrer Frage gewesen, dass er wusste, sie wagte nicht zu hoffen, es wäre so. Und doch wollte sie mit jeder Faser ihres Seins daran glauben, dass ihre Rettung bevorstand.
Einen anderen Mann hätte ihre Notlage vielleicht zum Helfen bewogen, doch nicht Zacharel. Er hatte Leid in allen Variationen gesehen. Er hatte Leid in allen Formen verursacht. Hatte seine Freunde, Unsterbliche, die für immer hätten leben sollen, sterben sehen.
Hatte seinen Zwillingsbruder sterben sehen.
Hadrenial, sein Zwilling, das Einzige, was ihm je wertvoll gewesen war, ruhte jetzt in einer Urne auf seinem Nachttisch. In seiner Erscheinung war er identisch mit Zacharel gewesen, mit dem gleichen schwarzen Haar, den gleichen grünen Augen, dem gleichen scharf geschnittenen Gesicht und starken Körper. Doch gefühlsmäßig waren sie vollkommene Gegensätze gewesen. Obwohl Hadrenial nur wenige Minuten jünger war als Zacharel, schienen es Jahre zu sein. So unschuldig und lieb war er gewesen, so freundlich und einfühlsam, von allen geliebt.
„Ich kann es nicht ertragen, die Menschen weinen zu sehen, Zacharel. Wir müssen ihnen helfen. Irgendwie, auf irgendeine Weise.“
„Das ist nicht unsere Aufgabe, Bruder. Wir sind Krieger, keine Glücksboten.“
„Warum können wir nicht beides sein?“
Zacharel ballte die Hände zu Fäusten. Du musst aufhören, an ihn zu denken. Über das nachzugrübeln, was geschehen war, würde nicht das Geringste ändern. Es war, wie es war. Wunderschön und hässlich. Herrlich und furchtbar.
Eine Mischung aus Enttäuschung und verbitterter Resignation blitzte in ihren Augen auf. „Vielleicht bist du ja doch real“, murmelte sie. „Um mir jemanden wie dich auszudenken, bräuchte ich eine dunkle Seite, die ich nicht besitze.“
„Du hast vergessen, vorauszuschicken ‚Ich will dich nicht beleidigen‘.“
„Nein, hab ich nicht. Genau das wollte ich.“
Was für ein aufmüpfiger kleiner Mensch. „Soll ich meine Frage wiederholen?“, hakte er nach – für den Fall, dass sie es beim ersten Mal überhört hatte.
„Nein. Ich erinnere mich. Du willst wissen, ob ich den Namen des …“ Ihre Augen wurden groß, Enttäuschung und Resignation wichen Schock. „Dämons“, flüsterte sie, und die Enthüllung schien sie weit mehr zu treffen als die über seine Herkunft. „So in der Art von ‚ein Dämon, der aus der Hölle kommt‘?“
„Ja.“
„Ein bösartiges Wesen, dessen einziger Daseinszweck es ist, das Leben von Menschen zu zerstören?“
„Ja.“
„Eine abscheuliche Kreatur ohne einen Funken Licht in sich, erfüllt von nichts als Dunkelheit und Bösem?“
„Exakt.“
„Ich hätte es wissen müssen“, murmelte sie. „Dämonen. All die Jahre habe ich gegen Dämonen gekämpft, ohne es zu begreifen.“ Erleichterung mischte sich in den Schock, tränkte ihre Worte. „Ich bin nicht verrückt, und wir sind nicht allein. Ich hab’s ihnen gesagt.“
„Mensch, du wirst mir jetzt antworten.“
„Mensch!“ Erhebe ihr gegenüber nicht die Stimme. Auf keinen Fall würde er seiner Gottheit erklären können, dass er sie gar nicht hatte zu Tode erschrecken wollen.
Sie schüttelte den Kopf und befreite sich mit der gleichen Entschlossenheit von ihren offensichtlich rasenden Gedanken, wie er es getan hatte. Beeindruckenderweise schien sie allerdings beileibe nicht eingeschüchtert zu sein. „Ich kann dir nicht antworten, weil ich keine Ahnung hab, wovon du redest. Mich hat ein Dämon gezeichnet? Wie? Warum?“
Ehrliche Verwirrung. Das wusste er, denn die Lügen anderer schmeckten immer bitter auf seiner Zunge. Doch das Einzige, was er in diesem Moment schmeckte, war … ihr Duft? Ein zarter Hauch von Rosen und Bergamotte, der von ihrer Haut auszuströmen schien, dieser glatten, sahnig-gebräunten Haut.
Dass er ein so unwichtiges Detail bemerkt hatte, ärgerte ihn. „Du erinnerst dich nicht, zugestimmt zu haben, dich mit einem Dämon zu vermählen, bewusst oder vielleicht unbewusst?“
„Niemals!“ Als sie die Augen verengte, verschmolzen ihre langen dunklen Wimpern miteinander. „Und jetzt bin ich dran mit ein paar Antworten. Bist du hier, um mich zu retten oder nicht?“
Wenn sie stark genug war, auf einer Antwort zu bestehen, obwohl sie die Wahrheit bereits erraten hatte, war sie auch stark genug, sie zu hören. „Nein. Das bin ich nicht.“ Aber nur zu gern wäre er lange genug bei ihr geblieben, um das Rätsel ihrer Vermählung zu lösen. Wann war es geschehen? Wer hatte es vollzogen? Wie hatte man sie hereingelegt?
Die Details spielen keine Rolle. Nur das Ergebnis zählt.
Eine Pause, während sie sein Eingeständnis verarbeitete, und dann ein bitteres Lachen. „Natürlich bist du das nicht. Warum hätte ich je etwas anderes hoffen sollen?“
„Sie ist eine Kämpferin“, sagte der Mensch, „aber sie ist fixiert und kann mich nicht verletzen. Achten Sie nicht auf das, was Sie hören könnten. Diese Therapiesitzung wird einige Zeit dauern, also kommen Sie nicht wieder rein, bevor ich Ihnen das Signal gebe.“
Der Wachmann warf der Frau einen mitfühlenden Blick zu, nickte aber schließlich. „Was immer Sie sagen, Doc.“ Er zog die Tür zu und schloss den Neuankömmling mit dem Mädchen ein.
Zacharel befahl sich, zu gehen. Nicht einmal Glücksboten, die am engsten mit den Menschen in Kontakt waren, durften in deren freien Willen eingreifen. Außerdem waren die wichtigsten Aspekte des heutigen Rätsels gelöst. Die Dämonen waren wegen des Mädchens gekommen, unwiderstehlich von ihr angezogen, begeistert von der Gelegenheit, das Eigentum eines anderen ihrer Art zu beschmutzen.
Was sie anging – sie würde erst im Tod Befreiung finden.
Ja, ich sollte wirklich gehen. Und doch blieb er. Angst, Abscheu und Zorn strömten jetzt aus ihren Poren und verursachten … Sicherlich nicht. Und doch, er konnte seine Existenz nicht leugnen. Ihre Gefühle verursachten einen winzigen Riss in dem Eis und der Dunkelheit in seiner Brust. Verursachten ein leises Flackern von … Schuldgefühlen?
Er verstand es nicht. Warum hier? Warum jetzt?
Warum sie?
Augenblicklich formte sich die Antwort in seinem Inneren, und auch wenn er davor zurückweichen wollte wie schon zuvor, so konnte er es nicht. Sie erinnerte ihn an Hadrenial. Nicht in ihrer Art, dazu war sie zu feurig, aber in den äußeren Umständen.
Hadrenial war an sein Bett gefesselt gestorben.
Und jetzt …
Jetzt erwiesen sich die kalten Kristalle, die unaufhörlich aus seinen Flügeln rieselten, als Segen, der ihn an seinen Status erinnerte – Kommandant –, an seine Pflicht – die himmlischen Gesetze verteidigen – und an sein Ziel – den Sieg über die Dämonen ohne Kollateralschäden. Das Mädchen konnte, würde keine Rolle spielen.
„Sie sind so vorhersehbar, Fitzpervers“, verhöhnte sie ihn. „Ich wusste, dass Sie kommen würden.“
„Als könnte ich meiner süßen kleinen Geisha fernbleiben. Wir müssen schließlich über dein Verhalten von heute Morgen reden.“ Begierde verschleierte den Blick des Mannes, als er ihn über ihren schlanken Körper wandern ließ und an ihren sehr femininen Kurven innehielt.
Hektisch blickte sie zwischen dem Menschen und Zacharel hin und her. Er wusste, dass sie ihn nicht mehr sehen konnte. Dass sie bloß herauszufinden versuchte, ob er noch da war. Und er erkannte den Moment, in dem sie entschied, dass er es war – denn ein Schauer überlief sie, zweifellos aus Scham.
„Warum sprechen wir nicht stattdessen über Ihr Verhalten? Sie sollen Ihren Patienten helfen, nicht ihnen noch mehr Schaden zufügen.“ Ein Hauch von Verzweiflung in ihrem Ton strafte ihre draufgängerischen Worte Lügen.
Die Erwiderung bestand in einem lüsternen Grinsen. „Was wir miteinander tun, muss nicht wehtun. Wir können einander solche Genüsse verschaffen.“ Er ließ die Akte zu Boden fallen und zog sich den Kittel aus. „Ich werd’s dir beweisen.“
„Tun Sie das nicht.“ Ihre Nasenflügel blähten sich unter ihrem hektischen Atem. „Man wird Sie erwischen, Sie verlieren Ihren Job.“
„Genau wie in diesem Moment!“
Er lachte nur selbstgefällig. „Ich werde deine Meinung schon noch ändern.“
„Ich hasse Sie“, stieß sie hervor, und Zacharel beobachtete, wie sie noch einmal alle Kräfte zusammennahm. „Begreifen Sie nicht, dass Sie das auf ewig verfolgen wird? Wenn Sie die Saat der Zerstörung säen, werden Sie auch mit der Ernte leben müssen, mit allen Schlingen und Dornen.“
„Wie süß. Lebensweisheiten von einer der gewalttätigsten Insassinnen dieser Anstalt. Aber bis meine Ernte reif ist …“
Stumm wandte sie den Blick von dem Menschen ab, ebenso von Zacharel, und starrte irgendwo in die Ferne. Tränen glänzten in diesen Augen aus einer anderen Welt, bevor sie sie fortblinzelte. Heute Abend würde sie nicht zerbrechen; dieser Mann würde sie noch viele Monate oder sogar Jahre lang nicht brechen. Aber sie würde heute Abend Leid erfahren. Furchtbares Leid.